Wenn Männer über Frauen schreiben 

24. Jänner 2015, 17:50
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Martina Feichtenschlager erforscht weibliche Nacktheit und Verletzlichkeit in höfischer Epik

Brünhild wird im Nibelungenlied lediglich ein weißes Hemd tragend dargestellt, wenn ihr die Unschuld geraubt wird. In der Deflorationsszene, durch welche die Gattin Gunthers ihre Macht verliert, wird beschrieben, wie dieses Hemd zerrissen wird. "Mit dem Hemd ist eigentlich der weibliche Körper gemeint. Sein Zerreisen ist eine Metapher für das Zerreißen des Jungfernhäutchens", sagt Martina Feichtenschlager. Das Gewand der Brünhild wird im Nibelungenlied als Teil ihres Körpers inszeniert.

In ihrer Dissertation an der Universität Salzburg beschäftigte sich Feichtenschlager mit spezifischen Szenen der höfischen Epik, in denen der weibliche Körper im "weißen Hemd" beschrieben wird. Damit einhergehend untersucht sie Passagen der "Entblößung" und "Verhüllung" der weiblichen Figur in Texten. Für ihre Arbeit wurde die 28-Jährige mit dem Erika-Weinzierl-Preis für Frauen- und Geschlechterforschung ausgezeichnet.

Sie überprüfte die poetischen und narratologischen Strukturen in Texten und das Sichtbarmachen von nackter Haut in alter Epik. So suchte sie nach dem Zusammenhang von Nacktheit, Fragilität und Mustern der Verletzbarkeit des weiblichen Körpers. "Die Haut wird immer über die Kleidung, die die Figuren am Leib tragen, beschrieben. Dadurch korrespondieren Kleid und Körper miteinander", sagt sie. Eine der Kernaussagen ihrer Arbeit ist, dass "nackt sein" von Frauen in der mittelalterlichen Literatur nicht bedeutet, gänzlich unbekleidet zu sein, sondern im "fragilen Hemde" dargestellt zu werden.

Der Begriff "Hemd" kommt vom althochdeutschen Wort "hamo" - Haut, Hülle oder Bedeckung. "Dem mittelalterlichen Publikum müssen diese verschiedenen Bedeutungen klar gewesen sein", sagt Feichtenschlager. Die Farbe Weiß soll Transparenz symbolisieren, ein Gewand, durch das man durchblicken kann und der weibliche Körper schimmert.

In neun Werken überschnitten sich Feichtenschlagers Beobachtungen. Zusätzlich überprüfte sie die Position der Autoren und Strategien hinter deren Frauendarstellungen. In ihrem Ausgangstext "Parzival" etwa bedient sich Autor Wolfram von Eschenbach seiner männlichen Figuren, um auf seine weiblichen Charaktere einzugehen. "Der Erzähler bemächtigt sich des Blicks Parzivals und herrscht offensichtlich über die weiblichen Figuren", sagt Feichtenschlager. Er begegnet den Frauen mit Ironie und "frivolen Späßen". Dadurch zeige sich der "männliche Blick" auf Frauen. Eine vergleichbare weibliche Sicht gibt es aus dem Mittelalter jedoch nicht - die Erzähler waren zumeist Männer.

Feichtenschlagers Studienentscheidung war "banal": "Ich habe gerne gelesen und wurde in diese Richtung ermutigt." Heute beschäftigt sich die Germanistin mit mittelalterlicher Literatur, ihre Freizeit widmet sie Gegenwartsautoren. Während des Studiums begann die Oberösterreicherin, Mittelhochdeutsch zu lernen. "Es war ein Kick, sich mit dieser Vorstufe des Deutschen zu befassen", sagt sie über ihr Interesse an älterer deutscher Sprache. Nach der Praedoc-Stelle zur Dissertation folgte ein Postdoc-Platz. An der Uni will Feichtenschlager bleiben, mit der Geburt ihres Kindes hat sich im Oktober jedoch eine "neue Welt" für sie eröffnet. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 21.1.2015)

  • Martina Feichtenschlager erhielt den Erika-Weinzierl-Preis für  Geschlechterforschung.
    foto: privat

    Martina Feichtenschlager erhielt den Erika-Weinzierl-Preis für Geschlechterforschung.

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