Das Maß der Filme für die Ewigkeit

20. Jänner 2015, 19:13
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Kritikermeinungen und Preise sagen wenig über die Bedeutung eines Films aus. Eher bestimmt offenbar die Bezugnahme in späteren Werken, was als erhaltenswert gilt

Evanston/Wien - Die Liste der Referenzen ist nahezu unbewältigbar: Hunderte Filme, unzählige Fernsehserien, Bücher, Ausstellungen und sogar wissenschaftliche Fachartikel zitieren, kopieren, analysieren oder persiflieren die Filmsaga "Star Wars". Das derzeit aus sechs Teilen bestehende Epos entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Phänomen, das längst nicht mehr aus dem popkulturellen Gedächtnis wegzudenken ist.

Geht es nach Forschern der Northwestern University in Evanston, Illinois, ist es genau das, was einen Film langfristig bedeutend macht: wie oft er in anderen Werken zitiert wird. Unmittelbare Filmkritiken, die Umsätze an Kinokassen oder Preise wie die Academy Awards seien dagegen wenig aussagekräftig, schreiben die Wissenschafter um Luis Amaral in ihrer Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS).

Was als bedeutend gilt

Für ihre Analyse zur langfristigen Bedeutsamkeit von insgesamt 15.425 in den USA produzierten Filmen entwickelten sie ein Bewertungssystem, das sowohl subjektive als auch objektive Kriterien berücksichtigen sollte: also einerseits, wie ein Film bei Publikum, Medien und Fachwelt ankam, andererseits, wie viel Geld er einspielte und wie oft andere Filme Bezug darauf nahmen.

Als Primärquelle diente dabei die Onlinedatenbank Internet Movie Database (IMDb), die zu vielen Filmen auch Vorbilder, Zitate und Referenzen auf frühere Werke listet. Die Ergebnisse wurden wiederum mit dem National Film Registry abgeglichen, einem Verzeichnis der US-Nationalbibliothek Library of Congress, das derzeit 650 Filme als "kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutend" und deshalb als besonders erhaltenswert anführt. Das Ergebnis: Mit zunehmenden Referenzen und Zitierungen in nachfolgenden Produktionen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Film es ins Verzeichnis der bedeutsamen Werke schafft.

Unverzichtbare Flops

Gerade Filme, die Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung noch immer Bezugspunkte darstellen, hätten die besten Karten. Dazu zählen neben "Star Wars" etwa "Der Zauberer von Oz", "Casablanca", "Psycho" oder "Easy Rider". Für Amaral und Kollegen ist klar: Nicht Kritiker bestimmen, welche Werke langfristig als bedeutsam gelten, sondern die Filmemacher der Gegenwart und Zukunft. Nach ihrem Bewertungssystem steht etwa "Charlie und die Schokoladenfabrik", der 1971 an den Kinokassen floppte, auf Platz 37 der meistzitierten Filme und hat damit gute Chancen, einmal in das Filmverzeichnis aufgenommen zu werden. "Dirty Harry" schaffte es auch erst nach 25 Jahren.

Freilich erinnert der Ansatz, die Bedeutung kultureller Werke messbar zu machen, an Debatten in der Wissenschaft. Die Praxis, etwa mithilfe einer Maßzahl der Zitierhäufigkeit den Einfluss eines wissenschaftlichen Fachmagazins wiederzugeben, ist umstritten. Die Bewertung sagt schließlich nichts über Inhalt und Qualität der Artikel und damit die Leistung der einzelnen Wissenschafter aus - und wird dennoch häufig als Maßstab dafür ausgelegt. Hier könnte ein breiter gefasstes Bewertungssystem nützlich sein, meint Amaral - und hofft vermutlich, zitiert zu werden. (David Rennert, DER STANDARD, 21.1.2015)

  • Geschichten, die unter die Haut gehen: Han Solo und Prinzessin Leia aus  George Lucas' "Star Wars" haben es aus fernen Galaxien auf den Rücken  einer jungen Frau in Tschechien geschafft.
    foto: reuters/petr josek

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