Pyramidenspiel zur Professur

Blog21. Jänner 2015, 07:00
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Seit 2006 forscht der Biotechnologe Boris Hartmann in den USA. Dass auch dort die Finanzierungen schwieriger werden, sieht er als bisher ungenutzte Chance für Europa

"Ich habe Glück gehabt. Ich habe nach einer Blindbewerbung gleich beim ersten Telefonat alles mit meinem zukünftigen Chef besprochen. 16 Tage später war ich in den USA", erzählt der Biotechnologe Boris Hartmann. Beworben hatte er sich 2006 als Post-Doc-Fellow an der Mount Sinai School of Medicine in New York, wo er heute Assistenzprofessor ist.

Nach seinem Studium und der Beendigung seiner Dissertation an der Universität für Bodenkultur in Wien hat sich der 1975 in Mödling Geborene für verschiedene Stellen beworben, die USA hätten es nach seinen Aussagen nicht unbedingt werden müssen. "Ich bin als Single ausgewandert", sagt er, "deswegen konnte ich die Entscheidung so schnell treffen."

Ständiges Bewerben um Forschungsgelder

Es ihm gleichzutun, empfiehlt er nicht: "Es hätte sein können, dass die Kollegen oder die Labors fürchterlich sind. Da macht es schon Sinn, sich das vor einer Zusage anzuschauen." Zum Glück habe er es gut getroffen und die Arbeitsbedingungen seien ausgezeichnet gewesen. "Wir haben die neueste Technologie und das müssen wir auch, um konkurrenzfähig zu bleiben", sagt er.

Hartmann ist seiner Diplomarbeit im Bereich der Immunologie tätig. Heute sequenziert er unter anderem auf einem Einzelzell-RNA-Isolator Zellen, um – vereinfacht gesagt – zu erforschen, wie diese nach Infektionen reagieren. Hauptsächlich bei Influenza, aber auch bei Krebspatienten. "Das Ding kostet 175.000 Dollar", sagt er. Deswegen sei das ständige Bewerben um Forschungsgelder ein großer Teil seiner Arbeitsaufgaben.

Harter Wettbewerb

"In den USA ist das viel kompetitiver als in Österreich", betont er, "da muss sich jeder bewerben." In Österreich, so sein Eindruck, "fließt viel Geld in Leute, die es sich gerichtet haben". Da träfen die Einsparungen im Forschungsbereich vor allem "die jüngeren Kollegen, die noch keine fixe Position haben". Aber auch in den USA sei der Wettbewerb härter geworden. "Wir mussten hier seit 2008 rund 25 Prozent Kürzung des Forschungsgeldes hinnehmen."

Das ist mit einer der Gründe, warum er sich eine Rückkehr nach Europa vorstellen kann. Der andere: Die Familie. Hartmann ist inzwischen verheiratet und hat zwei Kinder. "Wir leben in Manhattan, da kosten allein die zwei Kindergartenplätze 2500 Dollar monatlich." Die Lebensqualität sei in Österreich einfach besser. "In Wien hat jede U-Bahn-Station einen Aufzug, in New York knapp acht Prozent. Das macht einen Unterschied, wenn man mit dem Kinderwagen unterwegs ist." Hartmanns Frau ist Portugiesin, also wäre neben Wien auch Lissabon eine Wunschdestination. Aber: "Es ist extrem schwierig zurückzukehren", betont er.

Pyramidenspiel zur Professur

In seinem Spezialbereich, der antiviralen Immunologie, gebe es im Jahr vielleicht zwei bis drei freie Stellen in der Forschung, deswegen könne er sich auch vorstellen, in die Industrie zurückzukehren. Hartmann hat schon während des Studiums in Wien für das Novartis Institut für Biomedizinische Forschung gearbeitet. Sein Eindruck sei aber, dass sich die Forschung auf diesem Gebiet aus Österreich zurückziehe. Und wenn Stellen an der Uni ausgeschrieben würden, könne man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren: "Die wissen schon bei der Ausschreibung, wer es wird."

Es sei in der Forschung einfach billiger, einen Dissertanten nach dem anderen zu beschäftigen, als langfristige Stellen zu schaffen. Die Folge sei – auch in den USA – eine Art "Pyramidenspiel", das sich nach oben hin zur Professorenebene verdünne. "Es reicht nicht, sehr gut zu sein, man muss auch genau das bieten, was gerade gefragt wird."

Chance, Intelligenz zurückzuholen

Noch profitierten die USA von ihrem guten Ruf in Sachen Forschungsförderung, aber immer mehr Post-Docs ziehe es nach Asien, zum Beispiel nach China oder Singapur. Hartmann findet es bedauerlich, dass "Europa diese Situation in den USA nicht stärker nützt". Das müsste seiner Meinung nach nicht durch einzelne Staaten, sondern auf EU-Ebene passieren. "Die EU hätte die Chance, da ein bisschen der Intelligenz zurückzuholen, die vertrieben wurde nach dem Zweiten Weltkrieg." Das könne auch eine Chance für Österreich sein.

"Ich glaube, dass die Grundausbildung sehr gut ist bei uns. Ich hatte einen immensen Vorteil gegenüber den amerikanischen Kollegen, zum Beispiel schlicht auf dem Gebiet: wie arbeite ich steril? Bei den Basics sind die Community Colleges in den USA um einiges schlechter als die Massenuni in Wien", betont Hartmann. Dafür seien die Amerikaner in der Regel besser bei der Präsentation: "Wie mache ich aus meinen Daten eine Story? Da sind die beinahe unschlagbar." (Tanja Paar, derStandard.at, 21.1.2015)

  • Boris Hartmann analysiert die Unterschiede zwischen USA und Europa. "Bei den Basics sind die Community Colleges in den USA um einiges schlechter als die Massenuni in Wien", aber die Amerikaner seien besser bei der Präsentation.
    foto: privat

    Boris Hartmann analysiert die Unterschiede zwischen USA und Europa. "Bei den Basics sind die Community Colleges in den USA um einiges schlechter als die Massenuni in Wien", aber die Amerikaner seien besser bei der Präsentation.

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