Aus Dollars wurden Euros

20. Jänner 2015, 16:42
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Kunstberater Achenbach zu Schadenersatz in der Höhe von 19,36 Millionen Euro verurteilt

Wien/Düsseldorf – Helge Achenbach tanzte über Jahre auf vielen Hochzeiten. Ein Netzwerker, der sich auch in der Gastronomie oder Immobilien versuchte, zu dessen Kerngeschäft jedoch die Kunstberatung gehörte. Den Beruf des Art-Consultant, so ließ er gerne durchblicken, habe er quasi erfunden. Zu seinen Kunden zählten Unternehmen wie IBM, Allianz, Telekom, Audi oder Mercedes-Benz, aber auch Millionäre und Milliardäre.

All das ist Geschichte. Seit Juni 2014 sitzt Achenbach wegen des Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung in Untersuchungshaft. Jetzt muss sich der 62-Jährige vor Gericht verantworten. In einem Strafverfahren wegen Betrugs vor dem Essener Landgericht sowie zeitgleich in einem Zivilverfahren vor dem Landgericht Düsseldorf, das ihn nun heute (20.1.) verurteilte: zu einer Schadensersatzzahlung von 19,36 Millionen Euro an die Erben von Berthold Albrecht.

Gefälschte Kaufbelege

Der Reihe nach: Nach dem Tod des Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht war dessen Witwe auf Ungereimtheiten gestoßen und erstattete im April 2014 Strafan zeige. Der Vorwurf: Man sei bei Kunst- und Oldtimerverkäufen im Wert von rund 120 Millionen Euro um bis zu 23 Millionen betrogen worden. Denn von der Vermittlungsprovision von fünf (Kunstwerke) bzw. drei (Oldtimer) Prozent auf Basis der jeweiligen Einkaufspreise abgesehen, hatte Consultant Achenbach diese Preise zu seinen Gunsten erhöht und dazu mehr als 30 Dokumente gefälscht.

Details gelangen jetzt an die Öffentlichkeit. Demnach lernten sich der Angeklagte und das Ehepaar Albrecht 2008 bei einer Eröffnung der von Achenbach initiierten Sammlung Rheingold kennen. Dahinter steht eine Gruppe von Sammlern, zu denen die Viehof-Brüder (ehemals Allkauf-Warenhauskette) gehören, die seit Jahren in Kooperation mit Museen Werkgruppen zeitgenössischer Künstler erwerben. Auch das als Leihgabe in der Albertina beheimatete "Remix"-Ensemble von Georg Baselitz (58 Aquarelle, sieben Gemälde) kam so nach Wien. Die zugehörige Rechnung habe Achenbach ebenfalls gefälscht, den Schaden bezifferte Eugen Viehof in der FAZ mit einer Million Euro.

"Ich kenne die Vorwürfe", bestätigt Albertina-Direktor Klaus-Albrecht Schröder, wichtig sei lediglich, dass Achenbach bei "Remix" explizit nicht beteiligt sei. Zum Glück, denn dessen Rheingold-Anteile wurden bereits gesperrt. Teile des Achenbach-Imperiums sind in der Insolvenz, der Bestand der Achenbach Kunstberatung GmbH (1600 Kunstwerke) wird im Juni von Van Ham (Köln) und Sotheby’s (London) versteigert. Allerdings liegt der zu erwartende Erlös laut Handelsblatt nur bei sechs Millionen Euro.

Profit durch Wechselkurs

Zurück zum Aldi-Erben: Gleich bei der ersten Vermittlung hatte Achenbach getrickst, wie die Witwe nun vor Gericht schilderte. Weil deren Töchter damals in Großbritannien weilten, habe er vorgeschlagen, England "doch wenigstens im Zimmer" zu haben. Es ging um Oskar Kokoschkas Gemälde London, Tower Bridge II. Jenes Gemälde, das über eine Leihgabe der Marlborough International Fine Art Galerie (New York/London) zuletzt 2008 im Zuge der Kokoschka-Schau (Exil und neue Heimat: 1934-1980) in der Albertina zu sehen war.

Albrecht zahlte 950.0000 Euro. Der Haken: die Originalrechnung war in Dollar ausgewiesen, Achenbach "verwandelte" in Euro und profitierte von der Wechselkursdifferenz. 2010 lag diese bei etwa 290.000 Euro. Beim Kauf eines Picasso-Bildes sollen wieder um fast zwei Millionen Euro aufgeschlagen worden sein.

Gemeinsam besuchte man Kunstmessen in Basel oder Miami, Achenbach führte dann stets die Verhandlungen mit den Galeristen, das schwerreiche Sammlerehepaar blieb im Hintergrund. Denn, erläuterte seine Witwe, einen Albrecht-Aufschlag wollte man vermeiden. Dass es anders kam, ist erwiesen. Der Prozess am Landgericht Essen wird fortgesetzt, ob weitere folgen, ist derzeit ungewiss. Die Dunkelziffer der Geschädigten dürfte tatsächlich weit höher sein, bloß wollen dies aus unterschiedlichen Gründen nicht alle in der Öffentlichkeit verhandelt wissen. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 21.1.2015)

  • Die Werkgruppe "Remix" von Georg Baselitz war in der Albertina zuletzt im Jänner 2014 zu sehen. Eine Leihgabe der Sammlung Rheingold (bis 2022), bei deren Vermittlung Helge Achenbach die Eigentümer um eine Million Euro betrog.
Dazu gehören die Ölgemälde Meine Eltern von Dix (Mitte) und Ornamentale (rechts hinten) von 2005 (links Der Schatten ist da, man sieht ihn nur nicht (2012), eine Dauerleihgabe aus der Sammlung Batliner).
    foto: albertina / christian wachter

    Die Werkgruppe "Remix" von Georg Baselitz war in der Albertina zuletzt im Jänner 2014 zu sehen. Eine Leihgabe der Sammlung Rheingold (bis 2022), bei deren Vermittlung Helge Achenbach die Eigentümer um eine Million Euro betrog.

    Dazu gehören die Ölgemälde Meine Eltern von Dix (Mitte) und Ornamentale (rechts hinten) von 2005 (links Der Schatten ist da, man sieht ihn nur nicht (2012), eine Dauerleihgabe aus der Sammlung Batliner).

  • 2008 zierte das von Achenbach an Berthold Albrecht (Aldi-Nord-Erbe) verkaufte Gemälde von Oskar Kokoschka (London, Tower Bridge II, 1963) das Cover eines Albertina-Ausstellungskataloges. Der Kunstberater hatte die zugehörige Rechnung gefälscht und zusätzlich etwa 290.000 Euro mitgeschnitten.
    foto: der standard/repro

    2008 zierte das von Achenbach an Berthold Albrecht (Aldi-Nord-Erbe) verkaufte Gemälde von Oskar Kokoschka (London, Tower Bridge II, 1963) das Cover eines Albertina-Ausstellungskataloges. Der Kunstberater hatte die zugehörige Rechnung gefälscht und zusätzlich etwa 290.000 Euro mitgeschnitten.

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