Salzburger Erzbischof: "Vor einer Religion muss Satire nicht haltmachen"

Interview21. Jänner 2015, 09:23
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Für Franz Lackner ist Islamismus vom Islam nicht zu trennen, bei Satire widerspricht er dem Papst

STANDARD: Was darf Satire, wie weit darf Satire Ihrer Meinung nach gehen?

Lackner: Grundsätzlich darf Satire alles. Dennoch gibt es Grenzen, diese liegen vor der "Person". Wird jemand persönlich beleidigt oder angegriffen, dann geht das eindeutig zu weit. Man kann Menschen, Christen, Muslime satirisch darstellen, aber ohne persönliche Angriffe – nicht den Propheten Mohammed, nicht Jesus, auch nicht die Mutter

STANDARD: Papst Franziskus zieht die Grenzen enger. Das katholische Kirchenoberhaupt mahnt, man dürfe sich über den Glauben "nicht lustig machen".

Lackner: Ich sehe es nicht so. Vor einer Religion als einem soziokulturellen Gebäude muss Satire nicht haltmachen.

STANDARD: Warum ist es gerade im Islam so, dass offensichtlich die Gewaltbereitschaft in Zusammenhang mit Blasphemie sehr hoch ist?

Lackner: Man darf nicht generalisieren. Ich habe gehört, dass das Glaubenswissen dieser Terroristen sehr oberflächlich war, sie waren nicht tief im Glauben verwurzelt. Der Auslöser für solche schreckliche Taten ist oft eine Perspektivlosigkeit wie z. B. Arbeitslosigkeit. Was irritiert, ist, dass immer behauptet wird, Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun. Hier gibt es aber keine klare Trennlinie. So einfach ist es nicht. Als Christen haben wir eine Herkunftsgeschichte mit Schattenseiten, dazu muss man sich bekennen, vergleichbar mit einem großen Fluss, mit Nebenflüssen und stehenden Gewässern, in denen das Wasser nicht mehr so rein ist. Davon dürfen wir uns nicht ganz distanzieren. Man muss sich der Geschichte stellen und sich dazu bekennen. Ein, so scheint mir, wichtiger Unterschied zwischen den beiden Religionen liegt darin, dass das Christentum durch die Aufklärung gegangen ist, der Islam hingegen nicht – was sich als ein Problem erweisen kann. Religionen sollten nicht mit ihrer Botschaft in die Welt gehen, ohne zu bedenken, wie diese auf andere wirkt. Aber ich bin nicht der Oberlehrer der Muslime.

STANDARD: Sie sind Bischof der Diözese mit der dritthöchsten Austrittsrate. 2014 haben 4738 Personen der Erzdiözese Salzburg den Rücken gekehrt, ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schmerzt Sie das?

Lackner: Es schockiert mich. Aber die katholische Kirche wird kleiner, das ist ein Faktum. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass es für Menschen in der heutigen Zeit relativ einfach ist, ohne Verankerung in einem Glauben institutioneller Natur zu leben. Es gibt verschiedene Gründe, sehr persönliche, aus bestimmten Anlässen – wie Enttäuschung über die Institution oder der Kirchenbeitrag –, die zu einem Austritt führen. Früher hat man den Ausdruck der "kleinen Herde" nicht in den Mund nehmen dürfen. Aber: Ich fürchte mich nicht vor einer Kirche, die kleiner wird – die im Konzert dieser Welt vielleicht eine etwas unbedeutendere Rolle spielt.

STANDARD: Sie haben auch öffentlich bekundet, dass Sie innerhalb der Diözese "die Verantwortung auf mehrere Schultern legen wollen". Was heißt das konkret?

Lackner: Ich will die Diözese nicht alleine leiten. Ich scheue die Verantwortung nicht, will sie aber auch den anderen in Erinnerung rufen. Damit Kirche ihre Aufgaben wahrnehmen kann, müssen die Hausaufgaben auf allen Ebenen in relativer Selbstständigkeit gemacht werden. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Verantwortung weitergegeben wird.

STANDARD: Wer soll konkret mehr in die Pflicht genommen werden? Die Pfarren?

Lackner: Ja, auch dort muss man ansetzen, vor Ort die Verantwortung der Glaubensweitergabe leisten – das tun, was man schon tun kann, und es nicht der nächsthöheren Instanz, zum Beispiel den Bischöfen, weitergeben. Leben wir den Glauben an der Basis. Übernehmen wir die Verantwortung für unsere Schwachen und Kranken. In meinem Urlaub habe ich eine bettlägrige Frau besucht und gefragt, ob man ihr die Kommunion bringt. Sie hat mir gesagt, dass sie diese zu Weihnachten und Ostern erhält. Das kann doch nicht sein. Der Pfarrer könnte jemanden, der ohnehin in die Kirche geht, beauftragen, vom Altar weg am Sonntag die Eucharistie zu bringen.

STANDARD: Wenn Laien regelmäßig die Kommunion erteilen, könnte das kirchenrechtlich heikel werden, oder?

Lackner: Nein, jeder getaufte und gefirmte Christ kann nach einer Beauftragung Kranken die Kommunion bringen.

STANDARD: Der Klingelbeutel wird zu einem großen Teil durch den Kirchenbeitrag gefüllt. Werden die Mitglieder weniger, wirkt sich das auf den Finanzhaushalt aus. Wie sieht die Situation in der Erzdiözese aus?

Lackner: Derzeit noch stabil. Aber die Finanzkämmerer sagen klar, dass sich das ändern wird. Und zwar relativ abrupt – die Kurve fällt dann, so die Prognose, steil ab. Wir haben rund 800 Mitarbeiter und müssen daher jetzt schon gegensteuern, um niemanden auf die Straße setzen zu müssen.

STANDARD: Wie steuert man konkret gegen?

Lackner: Wir schauen jetzt sehr genau hin, ob wir systemisch gut aufgestellt sind. Können wir vielleicht Arbeiten bündeln? Wo gibt es Synergieeffekte?

STANDARD: Steht eine Personalreduktion im Raum?

Lackner: Wir müssen auch diese Variante bedenken. Der größte Posten der Ausgaben der Diözese, rund 78 Prozent, ist das Personal. Mir ist es wichtig, dass wir durchdachte Lösungen im Sinne unsere Mitarbeiter finden. Die Seelsorge muss gesichert sein. Aber wir müssen den Mut haben zu sagen: Manches können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. (Thomas Neuhold, Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 21.1.2015)

Franz Lackner (58) ist seit Jänner 2013 Erzbischof von Salzburg. Der in St. Anna am Aigen (Steiermark) geborene Oberhirte ist gelernter Elektriker und diente als UN-Soldat auf Zypern, ehe er in den Franziskanerorden eintrat. Von 2002 bis 2013 war Lackner Weihbischof der Diözese Graz-Seckau.

  • Salzburgs Erzbischof Franz Lackner sieht es bei Satire nicht so eng wie der Papst.
    foto: hans huber

    Salzburgs Erzbischof Franz Lackner sieht es bei Satire nicht so eng wie der Papst.

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