ORF-Ethikrat prüft Wehrschütz-Auftritt bei ÖVP-Klubklausur

20. Jänner 2015, 13:15
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ORF gab grünes Licht, Redakteurssprecher Bornemann sieht klare Unvereinbarkeit: "Journalisten sollten nicht beraten"

Wien - Empörung und Ärger herrschen unter ORF-Journalisten über den jüngsten Auftritt des ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz bei der ÖVP-Klubklausur, derStandard.at berichtete darüber. Der Osteuropaexperte hatte bei dem ÖVP-Treffen über die Lage in der Ukraine referiert. Für ORF-Redakteursratsvorsitzenden Dieter Bornemann eine klare Unvereinbarkeit. In der ORF-Geschäftsführung sieht man hingegen kein Problem im Vorgehen von Wehrschütz.

Dessen Auftritt war jedenfalls mit der ORF-Führung abgestimmt. Formal sei das Referat als journalistischer Experte nicht genehmigungspflichtig gewesen, der ORF habe aber grünes Licht gegeben, teilte ein Sprecher des Senders mit. Wehrschütz würde ein solches Referat auch bei jeder anderen Partei halten, hieß es. Wehrschütz selbst sagte am Montag dem STANDARD, dass er Vorträge dort halte, wo er eingeladen werde. "Auch bei Neos, Grünen, SPÖ oder FPÖ, wenn sie mich einladen." Am Dienstag schrieb er dazu auf seiner Facebook-Seite: "Ich halte es für völlig abwegig, aus einem derartigen Auftritt irgendwelche Rückschlüsse über ein Naheverhältnis zu einer Partei oder eine Einflussnahme auf meine Berichterstattung oder gar Zweifel an der Unabhängigkeit meiner Berichterstattung über Ukraine und Balkan aufkommen zu lassen."

"Fall für den Ethikrat"

Der Verhaltenskodex für ORF-Journalisten hält freilich fest, dass politische und wirtschaftliche Verquickungen, die geeignet sein könnten, Zweifel an der Unabhängigkeit aufkommen zu lassen, zu vermeiden sind. "Das wird ein Fall für den Ethikrat", sagte denn auch Redakteurssprecher Bornemann am Dienstag. "Journalisten sollten berichten, nicht beraten. Wenn jemand Politikberater sein will, soll er den Job wechseln."

Für Bornemann steht der Auftritt von Wehrschütz, der bis Anfang der 2000er-Jahre FPÖ-Mitglied war, jedenfalls nicht im Einklang mit ORF-Regularien und ORF-Gesetz. "Mit der Unabhängigkeit eines ORF-Journalisten ist das unvereinbar. Und die Pflicht zur Unabhängigkeit kann auch nicht dadurch ausgehebelt werden, indem man wo gratis auftritt. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sind keine Politikberater. Dass das ausgerechnet jemand macht, der den Titel 'Journalist des Jahres' trägt, ist besonders bedauerlich."

Nicht der erste Fall

Schon in der Vergangenheit hatten Auftritte von ORF-Journalisten bei Parteiveranstaltungen für Diskussionen gesorgt. 2007 etwa hielt der damalige FPÖ-nahe zentrale Chefredakteur Walter Seledec bei einer FPÖ-Klubklausur ein Referat über den ORF. ORF-Chef Alexander Wrabetz hatte den Auftritt genehmigt. Im ORF-Publikumsrat gab es an dieser Entscheidung Kritik. Zugleich wurde Richtung ORF-Spitze die Bitte geäußert, künftig bei derartigen Entscheidungen die "notwendige Sensibilität" walten zu lassen. (APA, 20.1.2015)

  • Christian Wehrschütz, ORF-Korrespondent in der Ukraine und kürzlich zum Journalisten des Jahres gewählt.
    foto: standard/fischer

    Christian Wehrschütz, ORF-Korrespondent in der Ukraine und kürzlich zum Journalisten des Jahres gewählt.

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