Was ist überhaupt noch Journalismus?

20. Jänner 2015, 07:17
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Kommunikationswissenschafter Thomas Schmidt über Nutzen und Nachteil der Theorie im digitalen Wandel

Der digitale Wandel stellt für die Medienwissenschaft eine Herausforderung dar: Wie lässt sich die journalistische Praxis theoretisch verstehen, wenn sich alles so schnell und so dramatisch ändert? Kann man überhaupt noch von Journalismus sprechen, wenn Algorithmen Content produzieren, Breaking News sich über Twitter und Youtube verbreiten und Leser zu Usern geworden sind? Und wofür braucht es überhaupt Theorie?

Wenn es nach der vorherrschenden Logik der Produktentwickler, Marketing-Gurus und Innovationskünstler geht, sind Definitionen ohnehin unwichtig. Journalismus im digitalen Zeitalter ist das, was sich nach entsprechenden Probeläufen, Beta-Versionen und Experimentierphasen die meisten Klicks schafft oder in Netzwerken geteilt wird. Innovation braucht keine Anleitung, sondern passiert. Und im Zweifel entscheidet ohnehin der Markt, was sich bewährt. Dann gibt es aber auch noch die eingefleischten Journalismus-Praktiker, für die sich die Frage nach Theorie zwar ebenfalls erübrigt, allerdings aus anderen Gründen. Ihrem Verständnis zufolge ist Journalismus einfach das, was Journalisten machen — egal unter welchen technischen Bedingungen.

Was ist überhaupt noch Journalismus?

Nun ist eine derartige Darstellung natürlich polemisch und soll auch nur veranschaulichen, dass sich die Wissenschaft mitunter schwer tut, sich im Medienalltag Gehör zu verschaffen. Doch gerade die Theorie bietet vielfältige Möglichkeiten, die Logik von eingespielten Handlungsmustern im journalistischen Alltag zu hinterfragen. Dabei geht es vor allem um Definitionen. Was ist überhaupt noch Journalismus im digitalen Zeitalter?

Dieser Frage widmet sich eine Spezialausgabe der Zeitschrift "Digital Journalism" mit theoretischen Beiträgen, die bewusst die Eigenheiten des digitalen Journalismus herausarbeiten wollen. Vor allem geht es um die Frage, welche Rolle der Technologie zukommt. Seth Lewis und Oscar Westlund kritisieren, dass die zeitgenössische Journalismusforschung zu sehr an menschlichen Faktoren orientiert sei und zu wenig Rücksicht auf Formen der künstlichen Intelligenz nehme.

Maschinisten im Newsroom

Diese Sichtweise teilen mehrere Autoren dieser Spezialausgabe, typischerweise mit Bezug auf die Akteur-Netzwerk-Theorie. Sie will den Gegensatz zwischen Natur und Technik aufbrechen, weil sie davon ausgeht, dass auch Objekte Handlungen setzen können. Umgelegt auf den journalistischen Bereich folgt daraus, dass die journalistische Praxis derart von technischen Gegebenheiten abhängig ist (z. B. wenn Algorithmen Nachrichten filtern), dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine zerfließen. Am radikalsten kommt dieser Gedanke bei Alex Primo und Gabriela Zago zum Ausdruck: "Es gibt keinen Journalismus per se. Journalismus passiert."

Es wäre ein Leichtes, derartige Ansätze als Esoterik abzutun. Dabei würde man aber übersehen, welche Herausforderung es darstellt, technologische Netzwerke, die Journalisten und User verbinden begrifflich zu fassen. David Domingo, Pere Masip und Costera Meijer bringen diese Schwierigkeit am besten auf den Punkt: "Die Journalismusforschung tut sich schwer damit, die Vielfalt an Akteuren, Diskursen und Beziehungen einzufangen und deren Implikationen für die Zukunft der professionellen Nachrichtenproduktion sowie für die Qualität der öffentlichen Meinungsbildung darzustellen."

Abschließend lässt sich wohl nur sagen, dass die Theorie ebenso im Fluss ist wie die Praxis. Das muss kein Nachteil sein. Eher eine Aufgabe, um neue Modelle zu finden oder schon erprobte Theorien den digitalen Gegebenheiten anzupassen. (Thomas Schmidt für derStandard.at, 20.1.2015)

Thomas Schmidt ist wissenschaftlicher Assistent und Doktorand an der School of Journalism and Communication der University of Oregon. Zuvor war er als Journalist tätig, u. a. für "Zeit im Bild", "Kleine Zeitung" und "Datum".

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