Vernebelte Argumente in der Debatte um Rauchverbote

Userkommentar20. Jänner 2015, 09:29
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Raucher wehren sich gegen ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie – mit dem Verweis auf ihre angebliche Freiheit und mit wenig durchdachten Argumenten. Ein Widerspruch.

Ich musste mich wieder einmal ärgern. Über Raucher. Nein, das wäre zu pauschalisierend. Ich ärgere mich über militante Raucher. Militante Raucher, die gegen die Faktenlage und jede Logik argumentieren und damit irgendwo ihre eigene Reflexionsfähigkeit beleidigen.

Hier ein paar Auszüge (alles letztens gehört oder gelesen):

1. "Ein Rauchverbot in Lokalen würde meine Freiheit einschränken."

Dabei vergessen militante Raucher, dass die derzeitige Regelung die Freiheit des Gastronomie-Personals und der nichtrauchenden Gäste einschränkt. Ein Kellner kann sich nämlich nicht nur im Nichtraucherbereich (sofern vorhanden) aufhalten, sondern muss die Krügerl und Schnitzel durch das ganze Lokal schleppen, tagelang, nächtelang – unterwegs als Passivraucher, wahrscheinlich über Jahrzehnte. Ganz abgesehen von allen passivrauchenden Gästen, die gerne in Gesellschaft sind, dann aber eingenebelt werden. Von militanten Rauchern, die (wie sie vorgeben) nur auf ihre Freiheit pochen – aber in Wahrheit auf Kosten ihrer Freunde eine angebliche Freiheit (nämlich ringsum alles einzunebeln) missbrauchen.

Nur zur Klarstellung: Die eigene Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit Dritter beschränkt. Sprich: Will mein Tischnachbar oder Kellner nicht passiv mitrauchen, endet meine Freiheit ihn einzunebeln genau dort.

1.1. "Jeder Wirt soll selbst entscheiden, ob er ein Raucherlokal führen möchte. Und nichtrauchende Kellner sollen sich dann in Nichtraucher-Lokalen bewerben."

Wenn wir jetzt aber davon ausgehen, dass die meisten Wirte aufgrund des befürchteten Geschäftsentgangs ein Raucherlokal führen würden, wären alle nichtrauchenden Kellner mit einer sehr kleinen Auswahl an Bewerbungsplätzen konfrontiert. Im Grunde sollte der Gesetzgeber die schwächsten Glieder einer Kette schützen. In dem Falle wären das nichtrauchende Kellner.

2. "Wo soll das mit den Verboten noch hinführen. Was will man uns noch alles vorschreiben? Dann verbieten sie uns den Schweinsbraten auch bald."

Zur Beruhigung aller militanten Raucher: Ein Schweinsbraten-Verbot kann schon alleine deshalb nicht durchgesetzt werden, weil mein Sitznachbar an meinem Schweinsbraten passiv weder steigendes Cholesterin noch Gewichtszunahme zu befürchten hat. Egal wie fett meine Schwarte ist, es liegt in meiner Eigenverantwortung sie abzunagen.

Beim Rauchen aber geht meine Eigenverantwortung (nämlich zu Rauchen) fließend in eine Fremdverantwortung für mein Gegenüber im Lokal, meine Kinder im Auto etc. über. Sprich: Sobald der Raucher in Gesellschaft solcher, die das eben nicht wollen, qualmt, handelt er nicht mehr eigenverantwortlich sondern übernimmt automatisch eine Verantwortung, die er aufgrund der derzeitigen Faktenlage (nämlich, dass Passivrauchen extrem schädlich ist) nicht verantworten kann.

3. "Warum verbietet man dann nicht viel eher Alkohol. Dadurch passieren ja schließlich auch Verkehrsunfälle etc."

Dazu muss gesagt werden: Alkoholisiert Autofahren ist verboten. Widersetze ich mich dem und setze mich angeflaschelt trotzdem hinters Steuer, muss ich mit einer Strafe rechnen. Qualme ich Angestellte, Freunde und Gäste im Lokal ein, ist das derzeit geduldetes Kulturgut.

Man erlebt es ja tagtäglich, auf Familienfeiern, am Spielplatz, im Restaurant. Meistens nebeln rauchende Lokalbesucher (indem sie ihre Freiheit beanspruchen) die anderen Gäste ein, bevor noch das Schnitzel am Tisch steht, die Kinder ihren Platz eingenommen haben, der Kellner um die Ecke gebogen ist. Ganz freundliche Raucher fragen ihre Sitznachbarn, ob es eh niemanden stören würde (was die gewünschte Antwort schon impliziert) und zünden sich währenddessen ihren Glimmstängel an.

Viele Raucher verweisen auf ihre Eigenverantwortung (nämlich zu Rauchen) und fragen: "Wo wird sich das Rauchen hin verlagern, bei einem generellen Rauchverbot in Lokalen?" Und drohen gleichzeitig, dass sich das Qualmen in die Privaträume verlagern wird, dorthin wo auch Kinder sind, dort wo keine Abluft für weniger Schadstoffbelastung sorgt. Dass ihr Verweis darauf, künftig nicht mehr im Lokal sondern in den eigenen vier Wänden zu rauchen, ihrem Argument nach eigenverantwortlichem Handeln widerspricht, bemerken militante Raucher nicht. Es belegt nur vielmehr, dass militante Raucher Eigenverantwortung ziemlich vernebelt auslegen.

Argumente, die sich in Luft auflösen

Eigentlich ärgere ich mich gar nicht über Raucher. Ich ärgere mich – wie so oft – über Unlogik und Argumente, die sich in Sekundenbruchteilen in Luft auflösen. Ich ärgere mich darüber, wenn an Fakten vorbei argumentiert wird. Ich ärgere mich darüber, dass eigentlich alles so einfach wäre, solange jeder Raucher begreifen würde, dass seine Freiheit zu Rauchen dort endet, wo er den Kellner zwingt passiv mitzurauchen, wo er seine Kinder qualmend zum Fußballtraining fährt und wo er seinem hungrigen Tischnachbarn eine Note Marlboro beschert.

Der Raucher soll rauchen. Das ist sein Recht, das liegt in seiner Freiheit.

Wenn der Raucher aber die Freiheit seiner Kinder, seiner Kellner, seiner Tischnachbarn mitbeanspruchen muss, um seine Freiheit zu nützen, müsste ihm allerspätestens klar werden, dass er sich argumentationstechnisch auf dem Holzweg befindet. (Gerald Gossmann, derStandard.at, 20.1.2015)

  • Die Freiheit des Rauchers endet dort, wo er andere zwingt, passiv mitzurauchen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Die Freiheit des Rauchers endet dort, wo er andere zwingt, passiv mitzurauchen.

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