Der Dissident, dem die Wahrheit nicht reichte

Kopf des Tages19. Jänner 2015, 18:14
14 Postings

Shin Dong-hyuk hat Details seiner "Flucht aus dem Lager 14" in Nordkorea zurückgenommen

Shin Dong-hyuk hat sie alle getroffen: von John Kerry über George Bush, von David Cameron bis hin zu Christopher Nolan. Sie haben ihn als Helden gefeiert, weil er als bisher einziger Überlebender aus einem nordkoreanischen Arbeitslager flüchten konnte. Shin verlieh dem Kampf gegen die Unmenschlichkeit des Kim-Regimes ein Gesicht. Die grausamen Geschichten, die der 32-Jährige zu erzählen hatte, waren seine eigenen. Seit Sonntag ist Gewissheit: Sie haben nur zum Teil gestimmt.

Und der Westen hat sich nur allzu gern beschwindeln lassen, muss es fairerweise heißen. Dieser junge Mann passte geradezu perfekt ins Opferschema: mit der sanften Stimme, den tiefbraunen Kulleraugen und dem schüchternen Lächeln. Überhaupt das Lächeln: Wo er aufgewachsen ist, im Straflager Nummer 14, sei lautes Lachen von den Wärtern mit dem Tod geahndet worden. Wenn Shin solche Anekdoten erzählte, lachte das Reporterherz. Wie eine Celebrity wurde er von einem Interview zum nächsten herumgereicht, sprach auf Menschenrechtskonferenzen von Genf bis Dallas.

Doch Shin ist eine widersprüchliche Figur, und das war er bereits vor seinem Eingeständnis. Als ihm seine Mutter und sein Bruder von ihren Fluchtplänen aus dem Lager erzählten, hat er sie in der Hoffnung auf eine Extramahlzeit an die Gefängniswärter verraten. Vor seinen Augen wurden sie hingerichtet. Shin Dong-hyuk wuchs in einer nihilistischen Dystopie auf, in der keine moralischen Werte existierten - was zählte, war ein voller Magen.

Doch spätestens seit Sonntag ist klar, dass der Nordkoreaner seine Leidensgeschichten ganz bewusst überspitzt und öffentlichkeitswirksam eingetauscht hat - gegen Aufmerksamkeit und Geld. Seine Memoiren wurden in 27 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Keiner prägte das mediale Bild von Nordkorea so maßgeblich wie er.

Ihm sei bewusst, welch katastrophale Auswirkungen seine Lügen für viele Menschen haben werden, ließ er nun über seine Ehefrau ausrichten. Vor allem seine Landsleute wird es treffen, die wie er im südkoreanischen Exil leben. Sie befürchten nun, unter Generalverdacht gestellt zu werden.

Dass das Fundament seiner Geschichte stimmt, daran sollte jedoch weiterhin kein Zweifel bestehen. Die Narben an seinem Körper lügen nicht, ebenso wenig die Brandwunden an seinem Rücken und die gebogenen Arme. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 20.1.2015)

  • Shin Dong-hyuk hat sein Leiden in Nordkorea zugespitzt.
    foto: reuters/denis balibouse/files

    Shin Dong-hyuk hat sein Leiden in Nordkorea zugespitzt.

Share if you care.