Hilfseinsatz-Leiter: "Der Ebolaausbruch ist noch nicht unter Kontrolle"

Interview20. Jänner 2015, 05:30
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Mali ist Ebola-frei. In Sierra Leone sieht das anders aus, sagt Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen

Standard: Wie weit ist Sierra Leone davon entfernt, frei von Ebola zu sein?

Bachmann: Davon ist man noch meilenweit entfernt. Auch, wenn die Zahlen von der WHO eine Trendwende nahelegen, wäre ich mit einer positiven Interpretation vorsichtig. Viele Ebolafälle werden noch immer nicht erkannt oder gemeldet. Deshalb spiegeln offizielle Statistiken nur einen Teil der Wirklichkeit wider. Der Ausbruch in Sierra Leone ist noch nicht unter Kontrolle.

Standard: Wie gut ist die Bevölkerung in Bezug auf Ebola aufgeklärt?

Bachmann: In der Hauptstadt Freetown vergeht kein Tag, an dem keine Ebola-Nachrichten im Radio gespielt werden. Die Information muss aber maßgeschneidert werden, da viele Menschen noch nicht danach handeln. Ein großer Teil der Begräbnisse wird noch immer nicht sicher durchgeführt. Von den 68 Mitarbeitern des Gesundheitssystems, die sich im Dezember mit Ebola infiziert haben, war ein Drittel bei einem traditionellen Begräbnis. Außerdem waschen sich noch immer viele Menschen nicht die Hände mit Seife oder Chlor, obwohl sie die Hygienemaßnahmen aufsagen können.

Standard: Anfang des Jahres gab es Berichte, wonach Mitarbeiter des Gesundheitssystems Mythen über Ebola anhängen und sich nicht zu den Patienten trauen. Stimmt das?

Bachmann: Das Bild muss ich korrigieren. Das Gesundheitspersonal braucht viele Dinge, damit es arbeiten kann. Zum Ersten ist das Training und Information, zum Zweiten ist das die Schutzbekleidung, und zum Dritten muss auch die bauliche Einrichtung der Gesundheitszentren vorhanden sein. Letzteres ist notwendig, damit jeder Patient auf Ebola untersucht und gegebenenfalls isoliert werden kann. In insgesamt 119 medizinischen Einrichtungen in der Hauptstadtregion fehlt entweder einer oder mehrere Faktoren. Dort ist das medizinische Personal einfach nicht in der Lage, die Patienten gut zu behandeln.

Standard: Wie wird versucht, nicht registrierte Ebolakranke zu finden? Geht man von Haus zu Haus?

Bachmann: Das können wir in den ländlichen Regionen machen, wo es nicht so viele Menschen gibt. Die Hauptstadtregion ist etwa so groß wie Wien, da müssen wir die Arbeit aufteilen. Unsere Kernkompetenz bleibt die Behandlung von Ebolakranken. Rund um unser neues Behandlungszentrum gehen wir schon zu den Menschen und sagen ihnen, dass sie bei Symptomen so früh wie möglich zu uns kommen müssen. Vor allem jetzt, wo viele Behandlungszentren zu Fuß erreichbar sind.

Standard: Was hat sich seit dem Ausbruch vor neun Monaten in Sierra Leone positiv entwickelt?

Bachmann: Das Land hat noch einen sehr weiten Weg vor sich. Im Vergleich zu November, wo es noch 400 bis 500 neue Fälle pro Woche gab, waren es in der vergangenen Woche nur noch 120 bestätigte Neuinfektionen. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Jetzt muss man weiterarbeiten. Vor allem in der Hauptstadtregion bilden sich immer neue Hotspots, wo man schnell reagieren und die Menschen isolieren muss. Es ist ganz wichtig, dass man jetzt nicht glaubt, dass es vorbei ist. (Bianca Blei, DER STANDARD, 20.1.2015)

Zur Person:

Marcus Bachmann ist Experte für Qualitäts- und Prozessmanagement und leitet seit Ende November den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone. Die Hilfsorganisation behandelt nicht nur Ebolakranke, sondern verteilt auch Malariamedikamente an 1,8 Millionen Menschen.

  • Sierra Leone ist neben Guinea und Liberia am schlimmsten von Ebola betroffen. Weltweit sind 8.400 Menschen an dem Virus gestorben.
    foto: ap photo/michael duff

    Sierra Leone ist neben Guinea und Liberia am schlimmsten von Ebola betroffen. Weltweit sind 8.400 Menschen an dem Virus gestorben.

  • Marcus Bachmann leitet seit Ende November den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone.
    foto: msf/bonner

    Marcus Bachmann leitet seit Ende November den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone.

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