Ärzte: Zustimmung aus "falschem Idealismus"

19. Jänner 2015, 17:37
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1500 Wiener Mediziner protestierten für bessere Arbeitsbedingungen und warnen vor untragbaren Zuständen

Wien - Weiße Kittel so weit das Auge reicht, der Saal E im Museumsquartier ist voll. Auch davor haben sich zahlreiche Ärzte eingefunden, die der Live-Übertragung bei Krapfen und Brötchen folgen. Etwa 1500 Ärzte protestieren am Montag für bessere Arbeitsbedingungen an Spitälern, verschärft hat sich die Situation durch das seit 1. Jänner geltende neue Arbeitszeitgesetz. Dadurch soll die maximale Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden beschränkt werden, außer die Ärzte stimmen mit einem Opt-out freiwillig zu weiterhin mehr als erlaubt zu arbeiten. Die Forderung nach der Einhaltung der 48 Stunden Woche wird aber unter großem Jubel begrüßt, doch an der Umsetzung hapert's. Personelle und finanzielle Ressourcen fehlten, das Gesetz könne "nur auf Kredit umgesetzt werden", sagt Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer, im STANDARD-Gespräch.

Die Stimmung im Museumsquartier ist aufgeheizt, Sticker mit dem Slogan "Wir schützen unsere Spitäler" werden ausgeteilt und auf die Kittel geklebt. Eine Twitterwall wurde eingerichtet, Fragen können gepostet werden, tatsächlich poppen einige Kittel-Selfies auf.

Die Ärzte sind aufgebracht. Das Gesetz regelt zwar die maximale Arbeitszeit, aber der Arbeitsaufwand werde dadurch nicht weniger. Im Gegenteil: Weniger Dienste können besetzt werden, was Mehrarbeit für die anwesenden Ärzte bedeutet. Als "Augenauswischerei" bezeichnet das ein Assistenzarzt eines Wiener Spitals.

Es sei unrealistisch gewesen, das Gesetz von einem auf den anderen Tag umzusetzen. Ihm gehe es weniger um den Verdienst, sondern um die Arbeitsbedingungen. Es gebe nur zwei Möglichkeiten: Mehr Personal oder weniger Diensträder. Derzeit schaue es nach der letzten Möglichkeit aus.

Ein Internist aus dem AKH hat ähnliche Argumente. Der Fokus liege auf den Akutfällen, die Wartezeiten für weniger dringende Operationen seien "in die Höhe geschossen". Bis zu einem Jahr müssten Patienten beispielsweise auf Prostataentfernungen warten. Das Optout hat er nicht unterschrieben. Viele Kollegen hätten das aus "falsch verstandenem Idealismus" gemacht. Nicht die Ärzte sollen aus Berufsethos die Versorgungsengpässe, die aufgrund der gesetzlichen Lage entstehen, kompensieren müssen.

Und doch spielt das Geld auch eine Rolle. Szekeres erwähnt in seiner Rede den "lächerlich niedrigen Stundenlohn". Das Gehalt sei nicht nur im Vergleich mit Deutschland und der Schweiz deutlich schlechter, auch österreichweit gebe es gravierende Unterschiede. Hermann Leitner, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, fordert die Ärzte erneut dazu auf, das Optout nicht zu unterschreiben. "Widerstehen Sie dem Druck des Arbeitgebers, es schlägt sich in der Qualität Ihrer Arbeit nieder", sagt er unter Beifall. Es sei nicht die Aufgabe der Ärzte, die Versorgungsdefizite, die "scheinbar plötzlich" entstanden seien, zu lösen. Es brauche Konzepte und neue Strukturen der Spitalsträger. (mte, DER STANDARD, 20.1.2015)

  • Das Ärztearbeitszeitgesetz ist in Kraft, der Unmut unter den Ärzten bleibt. 1500 Mediziner versammelten sich, um zu protestieren.
    foto: der standard/cremer

    Das Ärztearbeitszeitgesetz ist in Kraft, der Unmut unter den Ärzten bleibt. 1500 Mediziner versammelten sich, um zu protestieren.

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