Lügender Pädophiler, gütiger Geistlicher

19. Jänner 2015, 17:26
1 Posting

Christine Wipplinger inszeniert in der letzten Spielzeit am Stadttheater Walfischgasse "Zweifel"

Wien - Wenn zwischen zwei Menschen etwas "vorfällt", dann ist es mit der Wahrheit oft eine schwierige Sache. Besonders in Missbrauchs- und Vergewaltigungsfällen steht dann Aussage gegen Aussage. In John Patrick Shanleys vielbeachtetem Zweifel, unter dem Titel Doubt (Glaubensfrage) 2008 mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman verfilmt und nun von Christine Wipplinger im Stadttheater Walfischgasse auf die Bühne gebracht, wird die Sache noch vertrackter. Hier steht Misstrauen gegen Glauben, treffen schlüssige Erklärungen auf noch mehr Misstrauen. Wer hier lügt, wer die Wahrheit sagt, - das ist am Ende die Botschaft des Stückes - das muss jeder für sich beurteilen.

Man befindet sich an einer erzkatholischen Schule in New York, seit neuestem gibt es einen schwarzen Schüler dort. Den einzigen. Pater Flynn kümmert sich um den Jungen, die höchst konservative Schulleiterin Schwester Lukas aber wittert statt Barmherzigkeit Wollust. Sie glaubt, der Pater missbrauche den Jungen.

Im Stadttheater Walfischgasse gibt die Chefin höchstpersönlich, Intendantin Anita Ammersfeld, die strenge Nonne. Es ist ihre letzte Rolle an diesem Haus, das Theater schließt bekanntlich nach dieser Spielzeit seine Tore und übergibt an die Wiener Staatsoper. Ammersfeld spielt die Schwester Lukas als getriebene Frau, was wohl auch ihre ständig in nervöser Bewegung befindlichen Hände verdeutlichen sollen. Sie misstraut dem Pater, wird deshalb zur Intrigantin und setzt die leicht beeinflussbare Schwester James auf ihn an. Johanna Withalm spielt die junge Schwester, und weil diese als sehr ungestüm und etwas einfältig charakterisiert werden soll, rennt sie des Öfteren wie ein trampeliger Teenie über die Bühne oder lässt Dinge fallen.

Aalglatter Pater

Dem Pater Flynn, gibt Alexander Rossi ein aalglattes Gepräge. Er ist hier ein charmanter, kluger, wenn nötig bestimmter - allerdings auch etwas langweiliger Mann. So plakativ die beiden Frauen gezeichnet werden, so sehr bleibt seine Person im Vagen. Das mag seiner zwiespältigen Rolle geschuldet sein, in der nie klar wird, ob er lügender Pädophiler oder gütiger Geistlicher ist. Im Endeffekt wird so aber eine eindimensionale, nicht ganz greifbare Figur aus ihm.

Überhaupt ist die Inszenierung zwar im besten Sinne knapp und reduziert - die Handlungen werden aber oft einfach nicht glaubhaft. Erregung wird (etwa wenn Schwester Lukas mit der Mutter des Jungen, gespielt von Rachelle Nkou, streitet) durch Geschrei dargestellt, Schreck durch die vor den Mund gehaltene Hand. Dramatische Musikuntermalung tut das Ihrige dazu.

Auch die Schwebe, in der die Schuldfrage eigentlich offen gehalten werden sollte, wird nicht ganz erreicht. Ammersfeld agiert als Schwester Lukas so intrigant, die Verdachtsmomente gegen Pater Flynn wirken so fadenscheinig, dass die Zweifel an seiner Schuld groß bleiben.

Auch die Abwesenheit des vermeintlichen Opfers, des jungen Schülers (der im Film eine Rolle spielt) erweckt eher den Eindruck, dass es hier nicht um den Missbrauch eines Kindes, sondern um Machtkämpfe zwischen Erwachsenen geht. Das aber hätte deutlicher gezeigt werden dürfen. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 20.1.2015)

Vorstellungen bis 26. 2.

  • Anita Ammersfeld, Alexander Rossi und Johanna Withalm (v. li.) als unheiliges Trio in "Zweifel" am Stadttheater Walfischgasse.
    foto: sepp gallauer

    Anita Ammersfeld, Alexander Rossi und Johanna Withalm (v. li.) als unheiliges Trio in "Zweifel" am Stadttheater Walfischgasse.

Share if you care.