Literatur sticht Kunst

19. Jänner 2015, 17:05
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Der Kunstraum Niederösterreich stiftet zum Lesen an

Wien - Dass Lesen die Beweglichkeit im Kopf erhöht, darüber wird wohl niemand streiten. Hitzig diskutiert wird vielmehr die Frage: Papier oder Pixel? Auf Studie folgt Gegenstudie. Wer liest schneller, besser, ökologischer?

Langsam lesen baue nicht nur Stress ab, sondern tue auch dem Gehirn Gutes. Botschaften wie diese lassen den passionierten Printleser frohlocken. Papierlesen bereite nicht nur mehr Freude als rasant über digitale Zeilen zu stolpern, man verstehe und speichere die Information auch besser. Inzwischen kann man fast täglich - sowohl in konservativen Medien wie dem Wall Street Journal als auch auf jungen, alternativen Plattformen wie Treehugger.com - Argumente pro Entschleunigung finden.

Eine Lanze für das Geschriebene zwischen zwei Buchdeckeln, als Symbol für Kontemplation und Tiefgang, für Langsamkeit als frivolen Luxus wider die Effizienz, bricht nun auch Künstlerin Ingeborg Strobl. Als Kuratorin hat sie die Ausstellung lesen [literatur] im Kunstraum Niederösterreich konzipiert: Zwölf literarische Werke (von Thomas Bernhard über Jörg Fauser bis F. Scott Fitzgerald) sind Impulsgeber für zwölf Positionen der Gegenwartskunst.

Nicht irgendwo, sondern über der Seite 231 von Oliver Twist entdeckt etwa der Erzähler in Julio Cortázars Letzte Runde (Die Zeugen) eine auf dem Rücken fliegende Fliege. Dieser surreale Moment, der dem Unmöglichen Raum gibt und der durch die Integrität der Romanfigur eine Art von Wahrhaftigkeit erhält, stiftete etwa Petra Egg zu ihrer Videoinstallation an.

Als unzureichendes, zufälliges Flickwerk beschreibt Autorin Birgit Schwaner in der Erzählung Held . Lady . Mops jeden Versuch, eine Person zu umreißen; Bildhauerin Annelies Oberdanner übersetzt dies in figurale Kleinskulpturen, deren Porträtcharakter trotz konkreter Namenstitel wie Elli, Sigi und Claudie mehr als unklar bleibt. Ein weiteres Beispiel ist die Kugelschreiberzeichnung von Assunta Abd El Azim Mohamed, die das düstere Motiv eines Ertrunkenen aus einem Gedicht von Christine Lavant aufgreift und eine Zwischen(wasser)welt mit augen- und gesichtslosen Gestalten entwirft.

Kläglich piepsende Kunst

Formal stellt die Ausstellung stets literarisches Zitat - als Wandschriftbild (Grafik: Willi Schmid) - und bildnerische Arbeit gegenüber; jedoch hat dort, wo sich Dialoge entspinnen sollten, die Literatur immer die besseren Argumente. Manche Kunstwerke piepsen sogar nur kläglich. Diese Unterlegenheit ist gerade in einem den visuellen Reizen verpflichteten Raum bedauerlich.

Ein Ort der Kunst, der im Abschreiten und Erkunden, im Streifenlassen des Blicks Erfahrungen gewinnen lässt, ist jedoch gleichzeitig kein Hort des - entschleunigten! - Lesens. So viel Selbsterkenntnis besitzt die Schau und hat wohl daher eine Literaturliste aufgelegt. Dem Wink kommt man gern nach: In der Bücherei fand sich am Freitag noch ein Exemplar von Jörg Fausers Roman Rohstoff. In dieser Hinsicht also: Mission lesen [literatur] erfüllt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 20.1.2015)

Bis 14.3.

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