Der Leib Christi als Aphrodisiakum

19. Jänner 2015, 17:12
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Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" enthält die Würdigung eines wahren Titanen der literarischen Einbildungskraft. Der Franzose Joris-Karl Huysmans widmete sich ausgangs des 19. Jahrhunderts den Themen von Kunstreligion und Blasphemie

Wien - François, der Held in Michel Houellebecqs neuem Roman Unterwerfung, ist Hochschullehrer. Sein Leben widmet er der Zubereitung von Fertiggerichten. Kleine Sexabenteuer mit Studentinnen vermögen ihn nicht von seinem "ennui" zu kurieren. Der Welt, wie wir sie zu kennen und zu lieben glaubten, bringt er sachlichen Ekel entgegen. Doch die eigentliche Passion von François, dem Sendboten von Frankreichs angeblich bevorstehender muslimischer Zukunft, gilt der Erforschung eines ungewöhnlichen Autors namens Huysmans.

Das Werk von Joris-Karl Huysmans (1848-1907) bildet den vielleicht merkwürdigsten Eintrag im Katalog der Pariser Moderne. An Exzentrikern herrscht in diesem Kompendium kein Mangel. Die Liste der bizarren Gestalten, an deren Beginn man den Lyriker Charles Baudelaire setzen könnte, ist lang.

Huysmans markiert den archimedischen Punkt auf dieser Karte moderner Empfindsamkeit. Als junger Autor orientiert er sich an Émile Zola. Dessen Naturalismus will der bürgerlichen Erbauungsliteratur den Garaus machen. Die Wiedergabe der Wirklichkeit soll den Vorgaben naturwissenschaftlicher Präzision Rechnung tragen.

Huysmans, der ein unspektakuläres Leben als Beamter im Ministerium des Inneren führt, zeigt sich als gelehriger Schüler. Seine frühen Bücher spiegeln das Schicksal der kleinen Leute wider. Die bekommen von den Segnungen des Fortschritts lediglich Abfälle ab: den Moder, den Gestank in den Hinterhöfen, das flimmernde Licht auf den Schuppen faulender Fische.

Die Feier des Ekels

Schon in seinen Gesellenarbeiten wird Huysmans außerordentliches Talent für Details erkennbar. Doch erst in seinem ersten Meisterwerk, dem Geniestreich À rebours (Gegen den Strich, 1884), erbaut der nervenkranke Spross eines alten Geschlechts die perfekte Welt ästhetischen Genusses.

Die Natur wird als Urheberin allen Übels entlarvt. Von nun an rechtfertigt sich die Existenz allein durch Ästhetik. Mit der Feier des Ekels begegnet Huysmans dem betrüblichen Umstand, dass die wimmelnde Welt endgültig entzaubert ist.

Gegen den Strich wird zur Bibel aller Blasierten, die die Erzeugnisse von Kunst und Kunsthandwerk wie Rauschmittel genießen. Der Dandy namens Des Esseintes erhöht sich zum Priester einer Kunstreligion. Ihre Mysterien sollen vor der Beschmutzung durch Profane bewahrt werden. Allmählich lockern sich auch die Fesseln der Moral. Der Immoralist sammelt Nippes. Er liebt es, dekadente Gerichte in erlesenen Farben zu speisen. Horror empfindet er, wenn er an die Plebs denkt: die Massen auf den Straßen, in den Siedlungen, den Fabriken.

Huysmans' atemlose Suche ist mit dieser Feier der Nichts-als-Schönen längst nicht beendet. Ihn treibt ein quälender Durst nach metaphysischer Verbindlichkeit um. Dasselbe Begehren macht, 100 Jahre später, auch den Houellebecq-Helden zu schaffen. Mit dem feinen Unterschied, dass es Huysmans niemals in den Sinn gekommen wäre, sich ausgerechnet vom Beischlaf Wunderdinge zu erwarten.

Der französische Prosakünstler eilte in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts unaufhaltsam dem Schoß von Mutter Kirche entgegen. Ein folgenreicher Umweg leitete ihn an die Adresse Satans weiter. Là-bas (Tief unten) erschien 1891. Man zögert, dieses hinreißende Buch einen Roman zu nennen. Ein Autor namens Durtal schreibt mit mäßiger Hingabe an einer Studie über den Kinderschänder Gilles de Rais. Lieber verbringt er seine Zeit mit Kamingesprächen über den Satanskult. Die Proselyten des Gehörnten sind zahlreich. Ihr Einfluss reicht tief hinein in das angeblich verstandesklare, den Idealen der Aufklärung verpflichtete französische Bürgertum.

Durtals lustlose Affäre mit der Bürgerin Hyacinthe Chantelouve gestattet ihm den Zugang zu einer schwarzen Messe. Der Eindruck ist niederschmetternd: Ein Kanonikus beschimpft Jesus unflätig. Unter dem Eindruck berauschenden Rauchwerks geben sich die anwesenden Megären mit rollenden Augen der rohen Sinnenlust hin. Hyacinthe will auch den armen Durtal zum Beischlaf in einer Absteige nötigen. Sie bestreut den Kopfpolster vorsorglich mit den Krümeln einer entweihten Hostie. Durtal wendet sich mit Grausen ab. Sex, das wusste bereits Huysmans, ist auch keine Lösung.

Joris-Karl Huysmans starb als gläubiger Katholik. Michel Houellebecq kann als sein illegitimer Nachfahre gelten. Nur haben sich die blasphemischen Vorzeichen in der Zwischenzeit drastisch verändert. Und über die Rolle von Satan herrscht große Unklarheit. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 20.1.2015)

  • Joris-Karl Huysmans, ein Ahnherr von Michel Houellebecq: als feinsinniger Ästhet auf dem Weg zur katholischen Kirche.
    foto: dornac

    Joris-Karl Huysmans, ein Ahnherr von Michel Houellebecq: als feinsinniger Ästhet auf dem Weg zur katholischen Kirche.

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