"Casanova Variations": Wenn er nur aufhören könnt'!

19. Jänner 2015, 17:03
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In Michael Sturmingers Opernfilm glänzt US-Schauspielstar John Malkovich als großer alter Mann der Liebe. An seiner Seite besticht Veronica Ferres durch mittelmäßiges Englisch

Wien - Wir leben, wie man aus Hochglanzmagazinen erfährt, aktuell in der Ära der "Spornosexualität" - in einer Zeit also, in der Sex zu einer Sportart mutiert ist, die mit möglichst durchtrainierten Körpern betrieben werden soll. Wenn wir uns der Vergangenheit zuwenden, sexuelle Revolutionen sowie gut zwei Jahrhunderte bürgerlicher Tugend-Enge überfliegen, landen wir im verspielten Finale des Barock, dem Rokoko. "Die Erotik wird ein graziöses Gesellschaftsspiel, das die Liebe amüsant nachahmt", weiß Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit. Zum Großmeister dieses Gesellschaftsspiels wurde ein umtriebiger Venezianer, dessen Name zum Synonym für den Liebhaber schlechthin wurde: Giacomo Casanova.

Vor vier Jahren hat sich Michael Sturminger bereits mit dieser legendären Person beschäftigt, am Wiener Ronacher zeigte der opernaffine Regisseur zusammen mit dem Dirigenten Martin Haselböck das Musiktheaterstück The Giacomo Variations. John Malkovich gab den alternden Verführer, der von einer adeligen Schriftstellerin in seinem Ausgedinge auf Schloss Dux heimgesucht wird, wo er als mäkelnder Bibliothekar den Dienstmädchen nachstellt und an seinen Memoiren schreibt. Genau an diesen ist die mysteriöse Dame auch interessiert.

Korkenzieherlocken

Eine Aufführung der Giacomo Variations an einem Lissaboner Opernhaus wird zum Ausgangspunkt und zur zusätzlichen Handlungsebene in Sturmingers Film Casanova Variations, der 2014 beim Filmfestival in San Sebastián im Wettbewerb lief. Der Regisseur, der zusammen mit Markus Schleinzer auch das Drehbuch verfasst hat, überblendet hier zudem Rolle und Darsteller, wenn er Malkovich als er selbst in der Pause des Bühnenstücks auf eine frühere Geliebte treffen lässt. Und er erinnert auch an die Paraderolle des US-Filmstars als verführerischer Vicomte de Valmont in Stephen Frears' Gefährliche Liebschaften von 1988: Hinter den Kulissen gesteht eine Ärztin Malkovich, dass er in diesem Film ihr "sexuelles Erweckungserlebnis" gewesen sei. Nachfrage: Ob er eigentlich schwul sei?

Malkovichs Gegenspielerin, die Schriftstellerin Elisa von der Recke, wird im Film von Veronica Ferres gegeben: Nachdem sie zuletzt bei David Garretts Darstellung des Teufelsgeigers Niccolò Paganini mit von der Partie war, ist die Deutsche nun erneut in einem musikaffinen Kostümfilm aktiv. In Rossini, Helmut Dietls filmischem Selfie der Münchner Zelluloid-Schickeria, mimte sie 1997 eine Schauspielaspirantin, die mit ihren körperlichen Reizen zu loreleyen versuchte.

Und auch knapp zwanzig Jahre später führt die Ferres mit ihrem Dekolleté immer noch eine Attraktion von barocker Fülle ins Feld, der sich kein Regisseur und auch kein Zuschauer entziehen kann. Wenn ihr satter Strang langer blonder Korkenzieherlocken hierin mündet, scheint auch John Malkovich als monologisierender Casanova das mittelmäßige Spiel wie auch das Englisch seiner Kollegin augenblicklich vergessen zu können.

Mit permanent verwackelten, eher enervierenden Handkamerabildern müht sich Sturminger, eine Art Live-Atmosphäre vorzugaukeln. Wie im Bühnenstück verschmilzt der Handlungsfluss mit Musiknummern aus Mozarts Da-Ponte-Opern, die hier von Berühmtheiten der Branche gesungen werden: von Miah Persson, Barbara Hannigan, Jonas Kaufmann oder dem charismatischen Florian Boesch, der schon am Ronacher Casanovas singendes Alter Ego verkörperte. Aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler dürfen ab und zu singen: Mit Malkovichs ganz persönlicher, heiser hingehauchter Interpretation des Ständchens aus Don Giovanni klingt alles Liebesspiel leise aus. (Stefan Ender, DER STANDARD, 20.1.2015)

Ab 23.1. im Kino

  • Nach dem Liebesspiel ist vor dem Vorspiel: John Malkovich und Veronica Ferres arbeiten sich einmal mehr, einmal weniger gelungen durch Michael Sturmingers Opernfilm "Casanova Variations".
    foto: amour fou

    Nach dem Liebesspiel ist vor dem Vorspiel: John Malkovich und Veronica Ferres arbeiten sich einmal mehr, einmal weniger gelungen durch Michael Sturmingers Opernfilm "Casanova Variations".

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