"Davon können normale Skifahrer nur träumen"

Interview21. Jänner 2015, 10:39
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Der Schweizer Snowboard-Veteran Ueli Kestenholz fährt auch mit Skiern von Gipfeln wie dem Matterhorn - allerdings mit Gleitschirm am Buckel. Ein Gespräch über Restrisiko, Klimawandel und verrückte Urtypen in den Anfangstagen der Snowboarder-Bewegung.

Ueli Kestenholz ist Freigeist und sportlicher Tausendsassa. Einst Wegbereiter der Alpin-Snowboarder und Weltmeister sowie erfolgreich im Snowboard-Cross unterwegs, wechselte der dreifache Olympiateilnehmer auch ins Pulverschnee-Fach zu den professionellen Freeridern. 2006 entdeckte er das Speedriding für sich: Kestenholz führte das riskante Skifahren mit Gleitschirm von Berggipfeln auf ein neues Level. Noch immer wird der bald 40-jährige Schweizer gerne gebucht, wenn Produzenten von Extremsportfilmen auf der Suche nach spektakulären Lines sind. Beim aktuellen Warren-Miller-Film No Turning Back ist Kestenholz mit dem US-Amerikaner JT Holmes für die Schluss-Sequenz verantwortlich.

STANDARD: Wie sind Sie aufs Speedriding gekommen? Das ist doch eine Evolutions- und Gefahrenstufe höher als das Freeriden.

Kestenholz: Speedriding ist Freeriden in 3D. Das ist vielleicht vergleichbar mit Kitesurfen, wo du auch zwei Sportarten gleichzeitig machst. Du steuerst den Drachen und fährst dein Surfboard die Wellen hinunter. Ich bin schon lange Freerider, 2005 habe ich mit dem Fallschirmspringen angefangen. Als ich dann Speedrider zum ersten Mal gesehen habe, war sofort klar: Das will ich, das ist mein Ding. Ich habe sofort Visionen entwickelt: He, du kannst da Sachen fahren, wovon normale Skifahrer und Snowboarder nur träumen können. Das haben wir dann auch gemacht: Wir sind Eiger, Mönch und Jungfrau runter. Dann kam 2009 die Erstbefahrung des Matterhorns. Du kannst Sachen fahren, das ist der Wahnsinn.

STANDARD: Viele Extremsportler sagen: 'Ein gewisses Restrisiko bleibt - aber man kann es weitgehend minimieren.' Ist das Restrisiko dadurch, dass die Extremsportarten auch durch Wünsche von Sponsoren immer extremer werden, viel höher geworden?

Kestenholz: Von außen betrachtet würde ich dem bei gewissen Sachen zustimmen. Wenn ich die Freeride World Tour hernehme: Da reicht als Freerider nicht mehr nur eine schöne, flüssige Linie im Pulverschnee, sondern du musst auch noch Saltos und andere heftige Tricks über Felsen rauswerfen. Ich glaube schon, dass dort das Restrisiko gestiegen ist.

STANDARD: Wie sieht es beim Speedriden aus? Bei dieser jungen Extremsportart gab es in den vergangenen Jahren auch einige Todesfälle.

Kestenholz: Ich würde sagen: Das Restrisiko ist nicht größer geworden. Aber es hat sich verschoben, es ist anders geworden. Wenn ich Freeriden mit Speedriden vergleiche, wo jeder automatisch sagt, du bist ja verrückt, du bist über 100 km/h schnell, das ist ja viel gefährlicher: Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Ich kann den Schirm ja auch nutzen. Das Risiko punkto Lawinen und Schneebretter ist beim Speedriden viel kleiner. Das Risiko ist nicht null. Aber die Chance zum Wegkommen ist viel größer als beim Freeriden.

STANDARD: Sind Sie etwa der Meinung, dass Speedriden eine sichere Sportart ist?

Kestenholz: Eines ist klar: Menschen sind nicht zum Fliegen gemacht. Aber es gibt jahrelange Erfahrungen mit Fallschirmen und Gleitschirmen. Heute, wenn was passiert, ist es in der Regel ein menschliches Versagen, eine menschliche Fehleinschätzung. Und das versuche ich zu minimieren. Ich brauche immer einen Plan B. Und die Bedingungen müssen natürlich zu 100 Prozent stimmen. Wenn ich 80 Prozent gebe, reicht es auch noch. Da hilft die Erfahrung meines Alters: Ich muss nicht mehr beweisen, was für ein super Typ ich bin.

STANDARD: Viele Sportler träumen von diesem einen Ziel, diesem einen Projekt. Haben Sie das noch vor Ihnen?

Kestenholz: Es gibt schon Berge, die man im Kopf hat. Mit meinem Freund Mathias Roten, mit dem ich das Ganze angefangen habe, bin ich Eiger, Mönch und Jungfrau befahren. Und dann haben wir uns angesehen: Was jetzt? Wie kann man das steigern? Das Matterhorn als Idee zur Erstbefahrung kam automatisch. Oben ist es brutal steil, die Spitze hat kaum Schnee drauf, weil der Wind immer so stark bläst. Wir bereiteten uns auf den Tag X vor. Und dann ist Mathias 2008 beim Speedriden tödlich verunglückt.

STANDARD: Dennoch haben Sie das Projekt weiter verfolgt.

Kestenholz: Die Motivation ist erst wieder mit der Zeit gekommen. Ich habe mir gedacht, wenn ich das Matterhorn fahre, dann könnte ich auch Matthias zeigen, dass wir unser gemeinsames Projekt abschließen können. Im Mai 2009 war es so weit. Der steile Einstieg war speziell, 60 Grad plus. Die Nordwand kannst du kurz fahren, dann musst du fliegen, weil es nur Felsen hat. Du beschleunigst von 0 auf 100 in drei Sekunden und musst Ski und Schirm unter Kontrolle halten. Dafür war ich der erste Mensch, der da einen Turn in den Nordhang reingesetzt hat.

Don't try this at home. Speedriding.

STANDARD: Sie bezeichnen sich als Multisportler. Sie sind Skateboarder, Skifahrer, Snowboarder, Surfer. War Ihnen eine Spezialisierung nicht genug?

Kestenholz: Das Schöne für mich ist: Das war eine natürliche Entwicklung. Irgendwann war die Wettkampfgeschichte nicht mehr ganz meines. Ich trug so viele Ideen und Motivation für Freeride-Projekte in mir. Dann kam durch Zufall das Speedriden in mein Leben. Dass das jetzt ein Businesszweig für mich wird, war überhaupt kein Thema. Dass mir das hilft, meinen Traum weiterzuleben, noch immer vom Sport leben zu können, ist ein Wahnsinn.

STANDARD: Bei der Olympia-Premiere der Snowboarder 1998 holten sie Bronze. Für mehr Aufregung sorgten aber der kiffende Olympiasieger Ross Rebagliati sowie der Tiroler Martin Freinademetz, der nach einer Alkohol-Geschichte von Olympia ausgeschlossen wurde.

Kestenholz: Ich war bei dem Vorfall dabei, als sich eine von Martin geworfene Bierdose unglücklich über einen Hotelserver entlud. Er wollte den Schaden ja bezahlen. Für mich ist Martin ein Urtyp, ein Ursnowboarder. Ich habe mitgelitten mit ihm, die Geschichte wurde vom Österreichischen Skiverband und der Presse aufgebauscht ohne Ende. Er hat gesagt, was er denkt, hat sich mit dem ÖSV angelegt. Damit hat er polarisiert. Martin war aber mit ein Grund, wieso mir die unabhängige ISF-Snowboard-Tour so gefallen hat. Die Typen dort waren ungehobelt und freiheitsliebend - und sind nicht mit fünf Jahren in den Skikader gekommen und auf stromlinienförmig getrimmt worden.

STANDARD: Hat sich das bei den Snowboardern geändert?

Kestenholz: Natürlich. Aber es ist nur für Leute wie mich spürbar, die schon früh dabei waren und das Andere erlebt haben. Snowboarder Sigi Grabner hat bei seinem Abschiedsfest im vergangenen Frühling viele aktive und ehemalige Boarder eingeladen. Da gab es Fahrer vom ÖSV, die dort gesagt haben: 'Hey, wir beneiden euch schon um das, was ihr damals hattet.' Die wenigen FIS-Rennen, die ich gefahren bin, um mich für Olympia zu qualifizieren, absolvierte ich mit dem Gefühl: Es muss halt sein.

Ueli Kestenholz bei den Olympischen Spielen 1998.

STANDARD: Stichwort Klimawandel: Sie sind extrem viel in den Bergen unterwegs, brauchen den Schnee für Ihre Arbeit. Wie ist Ihre subjektive Erfahrung? Wird die Ausübung Ihres Sports schwieriger?

Kestenholz: Auf Gletschern kann man es mit bloßem Auge sehen, das ist keine erfundene Geschichte. Die Gletscher schrumpfen massiv. Wenn ein Stein rausschaut, geht es schnell mit der Schneeschmelze. Das wieder aufzubauen, das geht sich mit einem verschneiten Winter und einem kalten Sommer nicht aus.

STANDARD: Ist das ein Thema bei Extremwintersportlern? Ihr Bruder Reto hat etwa einen CO2-freien Snowboardfilm produziert, um Aufmerksamkeit für das Thema zu erregen.

Kestenholz: Bei "uns" Sportlern kann man so nicht sagen. Jeder für sich hat da seine eigene Anschauung und seine Prinzipien. Ich respektiere Reto extrem, wie radikal er das macht. Er reist nur mehr mit dem Zug zum Boarden, und er fliegt auch fast nirgendwo hin. Ich selbst bin da nicht so konsequent, fliege ab und zu auch mit einem Heli zu einem Shooting. Ich versuche das zu Hause zu kompensieren: Ich habe Solarzellen auf dem Dach, eine Wärmepumpe mit Erdsonde, recycle und versuche Strom zu sparen. Aber ich bin kein Radikaler.

STANDARD: Sie werden bald 40. Ist die Sportlerpension ein Thema?

Kestenholz: Nicht wirklich. Es sind bald 20 Jahre, wo ich auch dank Sponsoren als Sportprofi unterwegs sein darf. Das ist nicht selbstverständlich, ich mache aber auch sehr viel dafür. Und Speedriden ist ein Actionsport für Alte, der Schirm lässt sich super fein aufsetzen. Mein Körper wäre nicht sehr zufrieden mit mir, wenn ich wie Hardcore-Freerider regelmäßig von zehn Meter hohen Felsen springen würde.

STANDARD: Was ist das Schwierigste beim Speedriden?

Kestenholz: Ich kann mit dem Schirm richtige Rollen fliegen. Das flasht die Leute regelmäßig. Aber das ist das einfachste. Viel schwieriger ist das Speedriden auf dem Boden, im richtigen Moment Geschwindigkeit rausnehmen, das Gelände lesen. Wenn ich voll über den Felsen runtersteche, kreiere ich einen Speed von bis zu 150 km/h. Den muss ich am Boden versuchen, mit den Skiern abzubremsen. (David Krutzler, DER STANDARD, 21.1.2015)

Der Trailer zu "No Turning Back".

UELI KESTENHOLZ (39) gewann bei der olympischen Premiere der Snowboarder 1998 in Nagano die Bronzemedaille im Riesentorlauf. Zwei weitere Olympia-Teilnahmen folgten. Kestenholz ist zweifacher Weltmeister der unabhängigen Snowboard-Tour ISF und zweifacher X-Games-Sieger.

Beim 65. Warren-Miller-Skifilm No Turning Back, der seine Weltpremiere im Café 3440 auf ebenso vielen Metern Seehöhe auf dem Pitztaler Gletscher feierte, präsentiert Kestenholz als Speedrider seine Heimat, das Berner Oberland.

http://www.kestenholz.com/

Die Kinotermine:

28. Jänner, 20 Uhr: Salzburg, Mozartkino

31. Jänner, 20 Uhr: Wien, Urania

01. Februar, 20 Uhr: Innsbruck, Metropol Kino

21. Februar, 20 Uhr: Schruns, Kulturbühne

  • Ueli Kestenholz ...
    foto: ak_gloryfy

    Ueli Kestenholz ...

  • ... als Alpiner ...
    foto: reuters / claudio papi

    ... als Alpiner ...

  • ... und als Speedrider.
    foto: kestenholz

    ... und als Speedrider.

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