Drei Schulen, 47 Schüler und eine Direktorin

21. Jänner 2015, 13:41
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Brigitte Jandrisevits leitet drei Kleinschulen im Burgenland und unterrichtet an einer. Eine Zusammenlegung kann sie sich nicht vorstellen

Einmal in der Woche fährt Brigitte Jandrisevits fünf Kilometer von Großmürbisch nach Inzenhof, einmal sechs Kilometer von Großmürbisch nach Heiligenbrunn. In allen drei Dörfern im Südbürgenland ist sie Direktorin der jeweiligen Volksschule. Eine hat 20, eine 15 und eine zwölf Schüler. In ihrer Stammschule in Großmürbisch ist Jandrisevits auch Lehrerin. Ihre Schule ist die kleinste, trotzdem plädiert die Pädagogin für deren Erhaltung. Sie sei für das Dorf und für die Schüler wichtig, sagt sie. "Bei uns ist es familiär und ruhig, die Kinder kommen gerne in die Schule."

Im Burgenland gibt es besonders viele Kleinschulen, 22 Prozent der Volksschulen haben wie die Schulen von Direktorin Jandrisevits nur eine Klasse. Im burgenländischen Pflichtschulgesetz ist geregelt, dass eine Schule mindestens zehn Schüler haben muss. Wenn die Gemeinde sich für den Erhalt einsetzt, kann es Ausnahmen geben. Seit September des Vorjahres gibt es im Burgenland die Möglichkeit, dass Direktoren auch mehrere Schulen leiten.

Heinisch-Hosek für Effizienzsteigerung

Diese "Effiziensteigerung" von Kleinschulen hat Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Montag vorgeschlagen. Eine Schuldirektorin könne für mehrere Standorte zuständig sein. Zuvor hatte sie Mindestgrößen von Schulen angeregt. Nun ist sie zurückgerudert, sie sei gegen die Schließung von Kleinschulen.

Auch Direktorin Jandrisevits ist trotz sinkender Schülerzahlen dagegen, österreichweit eine Mindestgröße für Schulen einzuführen. "Das bedeutet eine Entvölkerung des Landes. Das Südburgenland wird das Seniorenhaus des Landes werden", prophezeit sie. Sie verstehe zwar die finanziellen Überlegungen, "aber man kann nicht alles dem Geld opfern". Jungfamilien hätten ohne Schulen und Kindergärten keinen Anreiz mehr, im Dorf ein Haus zu bauen.

Sechs Tagespläne

Jandrisevits' Klasse besuchen Kinder aller Jahrgänge. Die Lehrerin bereitet für jeden Tag je nach Alter und Fähigkeiten sechs verschiedene Pläne für die Kinder vor. Wenn sie die Ziele vor Schulschluss erreichen, dürfen sie sich selbst aussuchen, mit welchem Thema sie sich noch beschäftigen wollen. Wenn die Schüler langsamer sind als von der Lehrerin angenommen, passt sie die Pläne an.

Obwohl sie bereits Leiterin von drei Schulen ist, kann sich Jandrisevits nicht vorstellen, diese Schulen, die sich in einem Umkreis von fünf bis zehn Kilometern befinden, zusammenzulegen. Die Kinder würden durch den Schulbesuch das Dorf kennenlernen. Sie selbst macht Ausflüge mit ihnen, etwa in die Gärtnerei. Erst im Alter von zehn Jahren seien die Schüler so weit, dass sie auch in einer größeren Stadt zurechtkommen, sagt die Pädagogin. "Sie wissen, was ein Bus ist, wo die Haltestelle ist, was der Bürgermeister macht. Weil sie es im eigenen Dorf erlebt haben. Wenn ich alle Kinder in eine Schule hole, lernen sie nur den Ort der Schule kennen, aber nicht mehr den eigenen."

Ältere helfen Erstklässlern

Petra Jost ist eine jener Lehrerinnen, deren Schulen Jandrisevits leitet. Jost hat an ihrer Volksschule in Heiligenbrunn 20 Schüler. Auch sie ist gegen eine Zusammenlegung mit den Schulen aus den Nachbardörfern. Vor allem deshalb, weil die Schüler dann nicht mehr jahrgangsübergreifend unterrichtet würden. Darin sieht die Lehrerin den größten Vorteil von Kleinschulen. "Die Großen arbeiten mit den Kleinen zusammen, das fördert und fordert soziale Kompetenzen", sagt sie. Jeder Erstklässler bekommt von Jost einen Helfer zugeteilt, der sich um ihn kümmert. "Die Jüngeren können sich viel von den Älteren abschauen."

Damit das jahrgangsübergreifende Unterrichten noch besser funktioniert, würde sich Jost aber geringere Teilungszahlen wünschen. Derzeit wird eine neue Klasse mit dem 26. Schüler eröffnet. "25 Schüler aus vier verschiedenen Jahrgängen zu unterrichten ist sehr schwierig."

Nur eine Lehrerin

Einen Nachteil hat das System der Kleinschule für Jost. Sie ist als Lehrerin auf sich alleine gestellt. Zwar kommen Lehrer und Lehrerinnen für Religion und Sprachen sowie ein Zusatzlehrer, trotzdem hänge alles an einer Person. In größeren Schulen kümmere sich etwa ein Lehrer um den Turnsaal, eine Lehrerin um den Werkraum, in Heiligenbrunn ist für all das Jost verantwortlich. Nur um die Administration kümmert sich Direktorin Jandrisevits.

Die Schulleiterin bearbeitet die Post, Mitteilungen des Landesschulrats und des Unterrichtsministeriums und betreut die drei E-Mail-Adressen der Schule. Derzeit schreiben sich neue Schüler ein, auch dafür ist Jandrisevits zuständig.

Einmal pro Monat treffen sich alle Lehrerinnen der drei Schulen, um sich auszutauschen. Der Verwaltungsaufwand ist hoch, ein Bürokratieabbau wäre nötig, sagt Jandrisevits. Sie muss etwa dieselbe E-Mail dreimal beantworten, weil die Schulen rechtlich noch immer getrennt sind. Ob alle drei Schulen über die nächsten Jahre bestehen können, ist offen. Jandrisevits ist skeptisch. "Wenn jetzt Jahre kommen sollten, in denen gar kein Kind auf die Welt kommt, dann wird die Schule in Großmürbisch geschlossen werden, so traurig das ist." (Lisa Kogelnik, derStandard.at, 20.1.2015)

  • 22 Prozent der Volksschulen im Burgenland haben nur eine Klasse.
    foto: apa/schlager

    22 Prozent der Volksschulen im Burgenland haben nur eine Klasse.

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