Polens Frankenangst und Ungarns Frankentrick 

19. Jänner 2015, 05:30
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Der starke Schweizer Franken dürfte Polen zusetzen. Auch die Raiffeisen Polen muss den schwachen Zloty fürchten

Wien/Budapest - Die starke Aufwertung des Franken in der vergangenen Woche trifft nicht nur viele Schuldner in Österreich hart. Die Schweizer Währung war auch bei Kreditnehmern in Osteuropa beliebt. Vor allem in Polen, Ungarn und Kroatien wurden vor Krisenausbruch 2008 viele Darlehen in Franken vergeben.

Das rächt sich nun. Der polnische Zloty hat in der vergangenen Woche wie die kroatische Kuna mehr als 20 Prozent seines Wertes gegenüber dem Franken verloren. Die Raten der Fremdwährungsschuldner verteuerten sich damit über Nacht um ein Fünftel. Nervosität kommt vor allem in Polen auf. Ein Komitee zur Überwachung der Finanzstabilität, bestehend aus Ministern und Notenbankern, kommt am Dienstag in Warschau zu einer Krisensitzung zusammen.

Polen gilt eigentlich als eine Art Wunderknabe. Dank einer starken Inlandsnachfrage und einer dynamischen Industrie war Polen seit 2008 nie in einer Rezession. Auch die Zahl an faulen Krediten ist im Vergleich mit anderen osteuropäischen Ländern niedrig (siehe Grafik). Doch die Erfahrungen mit Fremdwährungskrediten aus anderen Ländern lehren, dass der starke Franken viele polnische Kreditnehmer unter Druck bringen wird. Fast 1,5 Millionen Polen haben sich in der Schweizer Währung verschuldet.

Großer Zukauf

Heikel ist die Lage auch aus Sicht der Raiffeisen Bank International (RBI). Die RBI hat 2011 in Polen zugekauft und die polnischen Polbank EFG erworben. Das Institut war im riskanten Geschäft mit Fremdwährungskrediten besonders aktiv. In Polen laufen zwar nur rund ein Drittel der Darlehen in ausländischen Devisen. Das ist im Vergleich mit Ländern wie Ungarn und Kroatien wenig. Bei der Polbank wurden aber 85 Prozent der Hypothekenkredite in Franken vergeben.

Der Bestand an Fremdwährungskrediten bei der RBI ist in den vergangenen Jahren gesunken. Er liegt aber in Polen immer noch bei 57 Prozent (wobei hier auch Euro-Darlehen mitgezählt sind). Insgesamt hat die Bank Frankenkredite im Wert von 2,9 Milliarden in Polen ausständig. Raiffeisen stand zuletzt schon wegen seines hohen Engagements in Russland im öffentlichen Fokus - Stichwort Sanktionen. Muss die Bank nun auch eine Zunahme der faulen Kredite im Hoffnungsmarkt Polen fürchten? Die RBI-Aktien sind am Freitag jedenfalls zum ersten Mal seit dem Börsendebüt des Unternehmens unter die Zehn-Euro-Marke gerutscht. Aktionäre sind also nervös.

"Wir rechnen nicht mit signifikanten Auswirkungen, da die Zinsbelastung extrem niedrig ist und die Portfolioqualität sehr gut", heißt es dagegen in einer Stellungnahme der Raiffeisen in Wien.

Der große Frankentausch ...

Interessant ist, dass ein Land die Entwicklung entspannt beobachten kann: Ungarn. Der Forint hat zwar mehr als 20 Prozent gegen die Schweizer Währung abgewertet. In Ungarn ist der Anteil an Frankenkrediten auch höher als in Polen. Doch den meisten Schuldnern wird das egal sein. Denn die Regierung von Premier Viktor Orbán hat im Herbst 2014 eine Konvertierung von Darlehen angekündigt. Die Aktion läuft im Februar an. Dabei müssen die Banken die in Fremdwährungen laufenden Hypothekendarlehen ihrer Kunden in Forint tauschen.

Der Tauschkurs wurde im Herbst fixiert: Ein Schweizer Franken wird 256,5 Forint kosten. Damit bekommen die Schuldner die Frankenstärke nicht zu spüren. Am Freitag kostete ein Franken am Markt 320 Forint.

... kann beginnen

Wer aber trägt die Differenz zwischen Tauschkurs und realem Wechselkurs? Die zuerst geäußerte Vermutung vieler Analysten - auch im STANDARD - war, dass die Banken im Land, darunter RBI und Erste, die Differenz schultern müssen. Doch das stimmt nicht, sagt die Notenbank in Budapest. Der Währungsverfall soll die Kreditinstitute nicht treffen.

Wie dieser Trick funktioniert? Im November 2014 hat die Zentralbank den Kreditinstituten im großen Stil Fremdwährungen zur Verfügung gestellt. Die Geldhäuser konnten sich günstig Euro bei der Notenbank ausborgen. Mit diesem Geld sollten die Institute ihre Fremdwährungsschulden im Ausland tilgen. Jedem Kundenkredit in Franken sollte in den Bankbilanzen eine Verbindlichkeit in Franken gegenüberstehen. Diese Verbindlichkeiten haben die Banken schon Ende 2014 abgebaut, sagt die Notenbank.

Einziger Verlierer sind in Ungarn damit jene Konsumenten, die sich Frankendarlehen für den Auto- und Kühlschrankkauf genommen haben.

Bis zu 1,5 Millionen Menschen in Polen sollen sich in Schweizer Franken verschuldet haben. Für sie verteuern sich die Kreditraten extrem. Die meisten Frankenschuldner in Ungarn dagegen können die aktuelle Entwicklung entspannt beobachten. (András Szigetvari, Gregor Mayer, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Bis zu 1,5 Millionen Menschen in Polen sollen sich in Schweizer Franken verschuldet haben. Für sie verteuern sich die Kreditraten extrem. Im Bild: eine Wechselstube in Warschau.
    foto: reuters

    Bis zu 1,5 Millionen Menschen in Polen sollen sich in Schweizer Franken verschuldet haben. Für sie verteuern sich die Kreditraten extrem. Im Bild: eine Wechselstube in Warschau.

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