Anti-Burschenschafter-Demo in Graz: Der Schatten der Zündler

Kommentar18. Jänner 2015, 17:54
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Graz hat eine herzeigbare Demo-Kultur. Tausend Menschen sind relativ schnell mobilisiert

Rund 1.000 Menschen gingen am Samstag in Graz gegen rechtsextremes, rückwärts gewandtes und ausgrenzendes Gedankengut auf die Straße. Darüber könnte man sich eigentlich freuen. Auch wenn nicht jeder verstand, warum sie das gerade am Samstag unter dem Motto "Fasching statt Faschismus" taten. Der zum 63. Mal stattfindende Akademikerball der Grazer Burschenschaften ist kein Vernetzungstreffen der Rechtsextremisten Europas. Er findet in keinem repräsentativen Gebäude der Republik statt. Fakt ist: Die meisten kannten ihn nicht.

Nachdem am Samstag stundenlang ein Hubschrauber über der Innenstadt kreiste und Straßen von der Polizei abgesperrt wurden, kennt man ihn. Auch innerhalb des Demo-Aktionsbündnisses, das aus Studenten der Grünen, KPÖ und SPÖ sowie der Offensive gegen Rechts bestand, waren im Vorfeld nicht alle sicher, ob dem Ball nicht zu viel Ehre angetan würde. Schließlich marschiert man auch nicht bei jedem Gschnas auf einer Bude auf.

Schatten auf friedliche Demonstranten

Doch Graz hat eine herzeigbare Demo-Kultur. Tausend Menschen sind relativ schnell mobilisiert. Das zeigten in den vergangenen Jahren viele Proteste gegen Kürzungen im Sozialbudget. Scheiben einzuschlagen und Mülltonnen anzuzünden brauchte es da nicht. Am Samstag, nach dem Ende der Demo, war das anders: brennende Mülltonnen, eine kaputte Auslage, zwei leicht verletzte Ballbesucher. Das wirft einen Schatten auf 99 Prozent friedliche Demonstranten, die sich von Gewalt distanzieren.

Dabei geht es auch anders. Bleibt zu hoffen, dass jene mit Aggressionsbewältigungsproblem der Demo gegen den Wiener Akademikerball heuer fernbleiben. Selbsterklärte Linke und Antifaschisten werden unglaubwürdig, wenn ihnen die Masse der Bevölkerung egal zu sein scheint. Letztere spielen Zündler und Randalierer nämlich den Rechten zu. Das ist unverantwortlich. Heute mehr denn je. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 19.1.2015)

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