Die Passion, der Tanz und das Pathos

18. Jänner 2015, 17:54
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Konträr: Laurent Chétouane und Wayne McGregor

Wien - Nichts verbindet die hochkarätigen Choreografen Laurent Chétouane und Wayne McGregor so sehr wie ihre Unähnlichkeit. Die Schnittmenge der beiden konträr arbeitenden Künstler findet sich in ihrem ganz unterschiedlich motivierten Interesse an menschlicher Gemeinschaftlichkeit. Vergangenes Wochenende hat Chétouane sein postmodernes Stück Bach/Passion/Johannes im Tanzquartier Wien und McGregor ein modernes Ballett Atomos im Festspielhaus St. Pölten präsentiert.

Um es vornweg zu sagen: Schön anzusehen sind beide Arbeiten. Chétouanes weitreichende Bearbeitung der Johannespassion (BWV 245) von Johann Sebastian Bach enthält eine Profanisierung des barocken Kirchenwerks aus dem Jahr 1724. Und bei Atomos erfährt das der Physik entnehmbare Metaphernmaterial eine ästhetische Heiligung in der säkularen Kathedrale des Theaters.

Der in Deutschland arbeitende Franzose nähert sich der Idee der Gemeinschaft auf philosophischer Ebene etwa über Jean-Luc Nancy und Giorgio Agamben. Der Brite hingegen geht das Motiv mit der für ihn charakteristischen Begeisterung an der Naturwissenschaft an. Beides ist, wie sich zeigte, gefährlich.

Bei Bach/Passion/Johannes übersetzen zwölf junge Frauen und Männer in lockerer Alltagskleidung die alte Feierlichkeit ins neue Freundschaftliche. Chétouanes Tänzer und die Musiker des deutschen Solistenensembles Kaleidoskop lösen die Grenzen zwischen Darstellenden und Musizierenden auf: Alle bewegen sich, und an der Klangerzeugung sind auch die Tanzenden beteiligt.

Der Haken dabei: Die mit der Johannespassion gemeinte christliche Gemeinde setzt eine ideologische Gefolgschaft voraus, mit der Chétouane offenbar nicht brechen will. Das wird ihm zur Falle. Übertrieben oft blicken Musiker und Performer bedeutungsvoll ins Publikum. Der Tanz kommt pathetisch daher, besonders im peinlichen Körperkitsch des Tänzers Mikael Marklund, den auch die wunderbar nüchterne Gesangsperformance von Senem Gökçe Ogultekin nicht ausgleichen kann.

Laurent Chétouane wollte die kirchliche Erzählung "vom Kontext des Heiligen" befreien, heißt es im Begleittext. Das gelingt ihm keinesfalls. Im Gegenteil. Seine allzu erhebende Profanisierung des Sakralen verleiht der werblichen Wirkung des Bachwerks sogar eine neue Gloriole.

Wayne McGregor hingegen arbeitet unverhohlen an einer Mystifikation. Das Wunder des Zusammenspiels kleinster Teilchen führt ihn zum verschwenderischen Einsatz von Theaternebel, intensiven Lichtstimmungen, suggestiven Sounds und - bescheidenen - 3-D-Effekten.

In Atomos erfährt das Publikum leider nichts Neues über die soziale Choreografie in unseren Gesellschaften. Aber dafür einiges darüber, wie das bestens über alle Medien aufbereitete visuelle Material der sich ausgezeichnet vermarktenden Physik in eine Bühnenshow übertragen werden kann. Ohne Kitsch geht das auch nicht ab. Hier ist er jedoch kühl kalkuliert. Der Choreograf versteht sein Handwerk, und er hat neun Tänzerinnen und Tänzer, die es schaffen, ein opulentes Gruppen-Beziehungsgefüge auf die Bühne zu zaubern. Bei McGregors Entity, das 2010 in St. Pölten gastierte, gab es allerdings mehr Tiefgang. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Allzu erhebende Profanisierung des Sakralen: Laurent Chétouanes postmodernes Stück "Bach/Passion/Johannes".
    foto: benoite fanton

    Allzu erhebende Profanisierung des Sakralen: Laurent Chétouanes postmodernes Stück "Bach/Passion/Johannes".


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