Niederlande: Zunahme der Sterbehilfefälle stößt auf Kritik

19. Jänner 2015, 07:42
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Die Zahl der geleisteten Sterbehilfefälle hat sich in den Niederlanden seit 2002 mehr als verdoppelt. Die Entwicklung löst immer öfter heftige Kritik aus

"Rozenburg" heißt der kleine Friedhof in Voorschoten bei Den Haag, auf dem die Mutter von Fleur van Putten begraben liegt. Die Niederländerin starb mit 59 Jahren, sie hatte Krebs. Ihre Tochter und ihr Mann waren bei ihr, als der Hausarzt ihr die tödliche Injektion gab.

"Meine Mutter wollte sich die letzten allerschlimmsten Wochen ersparen", erzählt Fleur. "Deshalb hatte sie sich für Sterbehilfe entschieden. Sie wollte friedlich und in Würde sterben."

Die Kriterien für Sterbehilfe

Jacqueline van Putten erfüllte alle Kriterien, um für Sterbehilfe infrage zu kommen: Sie war unheilbar krank ohne Aussicht auf Genesung, ihr Leiden unerträglich, und sie hatte den Wunsch zu sterben mehrfach ausdrücklich geäußert. Auch ihr Arzt hielt sich an die Richtlinien: Er zog einen Kollegen zu Rate und meldete den Fall einer der fünf Prüfkommissionen für Sterbehilfe. Sie kontrollieren, ob der Arzt sorgfältig gehandelt hat oder strafrechtlich verfolgt werden muss.

So weit ist es seit der Verabschiedung der gesetzlichen Sterbehilferegelung in den Niederlanden 2002 aber noch nie gekommen. Und das, obwohl sich die Zahl der geleisteten Sterbehilfefälle seitdem mehr als verdoppelt hat - von rund 2000 auf 4800. Das sind 3,4 Prozent aller Sterbefälle in den Niederlanden.

"Die Ärzte trauen sich immer mehr"

Zurückgeführt werden könne diese Steigung weder auf die Vergreisung der Gesellschaft noch auf immer mündiger werdende Patienten, stellt die NVVE klar, die Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende. Sie gehört zu den Pionieren der niederländischen Sterbehilferegelung und hat sich mehr als 30 Jahre dafür eingesetzt. "Die Ärzte trauen sich immer mehr, von der Sterbehilferegelung Gebrauch zu machen, das ist es", erklärt NVVE-Sprecherin Stefanie Michelis. "Sie sind besser informiert und nehmen sich den Raum, den das Gesetz ihnen bietet."

Bisher ging es in den weitaus meisten Fällen um krebskranke Patienten im Endstadium. Doch deren Anteil ist von 90 auf 75 Prozent gesunken: Inzwischen bekommen auch immer mehr Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Nervensystemerkrankungen wie ALS Sterbehilfe.

Multiple Alterserkrankungen

Ebenso steigt die Inanspruchnahme von Sterbehilfe bei Psychiatrie- und Alzheimerpatienten. Und bei Senioren, die an sogenannten multiplen Alterserkrankungen leiden; sich nicht bewegen können, inkontinent sind und darüber hinaus noch blind und taub. NVVE-Sprecherin Michelis: "Es geht um unerträgliches und aussichtsloses Leiden, das ist das Ausschlaggebende. Dieses Leiden kann sowohl körperlich als auch psychisch sein. Und dafür braucht man auch nicht terminal krank zu sein."

Aber nicht alle Niederländer teilen diese Ansicht. Nicht nur für Sterbehilfegegner ist damit eine rote Linie überschritten worden. So hat der Ethiker Theo Boer von der Universität Groningen eine gesellschaftliche Diskussion ausgelöst, als er seinen Austritt aus einer der fünf Prüfkommissionen für Sterbehilfe bekanntmachte. Neun Jahre lang hat er ihr angehört und in dieser Zeit 4000 Sterbehilfedossiers bearbeitet. Mehrmals war er nicht einer Meinung mit den beiden anderen Kommissionsmitgliedern. Dennoch wurde mit einer 2:1-Mehrheit entschieden, dass der Arzt sorgfältig gehandelt hatte.

"Zu schnell und zu oft"

Für Theo Boer war damit "die Schmerzgrenze erreicht". Sterbehilfe werde viel zu schnell und zu oft geleistet und dann als sorgfältig befunden, klagte er: "Das konnte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren."

In allen Fällen hat der Patient zwar selbst sterben wollen. In allen Fällen hat das Gesetz den dafür nötigen Raum geboten. Allerdings, so der niederländische Ethiker: Sterbehilfe sei kein selbstverständliches Recht, auf das jeder pochen könne. Altwerden und Sterben gehe nun einmal einher mit Gebrechen und körperlichem Verfall. Das habe der Mensch zu akzeptieren. Auch anno 2015.

Breite Diskussion gewünscht

"Was ich mir wünsche, ist eine breite Diskussion darüber, ob die Sterbehilfe, so wie sie sich entwickelt hat, für eine Gesellschaft wirklich erstrebenswert und wünschenswert ist", so Ethiker Boer. "Wie wollen wir in 30 Jahren sterben? Dieser Frage müssen wir uns stellen." (Kerstin Schweighöfer, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Seit 2002 stieg die Zahl der Sterbehilfefälle in den Niederlanden von rund 2000 auf 4800.
    foto: apn/thomas kienzle

    Seit 2002 stieg die Zahl der Sterbehilfefälle in den Niederlanden von rund 2000 auf 4800.

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