Servus in Katar, Servus in Saudi-Arabien

Bericht18. Jänner 2015, 17:07
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Die Win-win-win-win-win-Situation im Trainingslager, das Bayern München nicht umsonst auf der Arabischen Halbinsel aufschlug

Sie sind "perfekt", die Bedingungen im Aspire Sportkomplex im Westen der katarischen Hauptstadt Doha, "absolut perfekt". Seit Jahren hört und liest man das im Jänner, wenn sich diverse europäische Fußballklubs in Katar auf das Frühjahr vorbereiten. Immer wieder. Und wahrscheinlich muss man das, wenn man einem europäischen Fußballklub vor- oder nahesteht, ja auch so sehen.

Viele sind wieder da gewesen, allen voran Bayern München, aber auch beispielsweise Schalke 04, Ajax Amsterdam, Zenit St. Petersburg und der LASK aus Linz. Salzburg und Leipzig treffen erst dieser Tage ein, natürlich ist auch ein Red-Bull-internes Testspiel geplant. Die Bayern, zum fünften Mal in Doha, schlugen ihr Quartier im exklusiven Hotel The Grand Heritage auf. Dabei hatten sie, dem Vernehmen nach wegen der Diskussionen um die Vergabe der WM 2022 an Katar, diesmal sogar einen anderen Trainingsort in Erwägung gezogen, das Sportzentrum "Nad Al Sheba" in Dubai. Dann aber könnte der Ruf des katarischen Geldes doch zu eindringlich geworden sein.

"Servus!" So pflegt Markus Hörwick, der rührige Bayern-Mediendirektor, die Bayern-Pressekonferenzen zu beginnen, in München, in Doha, wo auch immer. Nach Katar haben 65 Journalisten den FC Bayern München begleitet, das ist laut Hörwick eine relativ kritische Masse. Immer wieder will der eine oder die andere "aus dem Rudel ausbrechen" und eine eigene, besondere Geschichte aufstellen. Besondere Geschichten sorgen oft für besondere Unruhe, und Hörwicks Job ist es, möglichst keine Unruhe aufkommen zu lassen.

Groß, größer, Aspire

In der, wie sie in voller Länge heißt, "Aspire Academy for Sports Excellence", bleiben alle schön zusammen. Sie hat 2004 aufgesperrt, ihre Errichtung kostete gut eine Milliarde US-Dollar. Der Komplex umfasst verschiedene Sporthallen, sieben Fußballfelder, Squashplätze, Tennisplätze, Laufbahnen, Krafträume, Fitnesscenter und den "Aspire Sports Dome", mit 250.000 Quadratmetern Fläche eines der größten Sportstadien der Welt. Natürlich stehen mehrere Hotels in unmittelbarer Nähe - das Grand Heritage ist nur eines davon.

Während der Bayern-Pressekonferenzen in einem der Heritage-Konferenzräume wartet draußen auf der Terrasse das mitgereiste ZDF-Team, um im Anschluss TV-Interviews zu führen. Natürlich vor einer Wand mit den Bayern-Sponsoren - Katar ist nicht der einzige Finanzier des Trainingslagers, das ganz offiziell "Volkswagen Camp Katar 2015" heißt. Drinnen und draußen steht Trainer Pep Guardiola, oder es steht Sportdirektor Matthias Sammer, oder es stehen ein, zwei Spieler Rede und Antwort. Mediendirektor Hörwick schickt den mitgereisten Journalisten jeden Abend eine E-Mail mit dem Trainings- und Pressekonferenzenplan für den nächsten Tag.

Kaiser und Emir

Franz Beckenbauer war nicht in Katar. Die guten Beziehungen des "Kaisers" zum und ins Emirat sind auch so hinlänglich bekannt. Beckenbauer hat nicht zuletzt zu den von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisierten Arbeitsbedingungen auf Katars Baustellen seine eigene Meinung. "Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen" , sagte er. "Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen. Ich war schon oft in Katar, habe deshalb ein anderes Bild, das - glaube ich - realistischer ist." Dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, platzte da der Kragen. "Wenn ich mich im Emirats-Palast umsehe, werde ich wahrscheinlich auch keine Zwangsarbeiter sehen."

David Alaba, der zwei Monate lang verletzt gewesen war, ist in der "Aspire Academy for Sports Excellence" ins Mannschaftstraining der Bayern zurückgekehrt. Die Bedingungen in Doha, sagte auch er am Ende des Camps, wären "perfekt" gewesen. Eine Win-win-win-win-Situation also. Katar hat profitiert, der FC Bayern hat profitiert, die Bayern-Sponsoren haben profitiert, die Medien haben profitiert. Am Samstag, als die Bayern auf dem Heimweg noch in Riad Station machten, um vor 60.000 Zusehern den saudi-arabischen Rekordmeister Al-Hilal 4:1 zu schlagen, gab Alaba ab der 57. Minute sein Comeback.

Saudi-Arabien als fünfter und letzter Winner dieser Bayern-Reise, ernsthaft jetzt? Nur keine Unruhe! Nach Riad flogen bloß noch einige wenige Journalisten mit, sie hatten vom Mediendirektor eine separate FC-Bayern-Nachricht erhalten - weil es in Riad "unbedingt" einige Dos und wohl vor allem Don'ts zu beachten gebe. Alles perfekt. Servus. (Fritz Neumann aus Doha, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Einer der zwei Plätze, die Bayern permanent nutzen konnte. Im Hintergrund die 300 Meter hohe "Torch".
    foto: apa

    Einer der zwei Plätze, die Bayern permanent nutzen konnte. Im Hintergrund die 300 Meter hohe "Torch".

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