Emirat im Kauf-, pardon: Handballrausch

18. Jänner 2015, 16:48
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Gastgeber Katar ist nach zwei Siegen so gut wie aufgestiegen. Der Aufschwung überrascht kaum, schließlich wurde eingebürgert ohne Ende. Heute spielt Österreich gegen Tunesien

Hörfehler? Übersetzungsfehler? Bis dato sind es nur Gerüchte. Aber es spricht schon einiges dafür, dass die Katarer nie von nachhaltiger Nutzung, sondern stets nur von nachhaltiger Kühlung der Handball-WM-Hallen geredet haben. Sie klimatisieren, was das Zeug hält, auch wenn es draußen gar nicht wirklich kalt ist. Unten am Spielfeldrand sitzen die Spieler in Trainingsjacken und mit Handtüchern auf dem Kopf, oben auf den Tribünen wickeln sich etliche Fans die Schals, die sie zum Herzeigen mitgebracht haben, lieber um den Hals.

Allzu gut sind die WM-Spiele bis dato ja nicht besucht. Bei den meisten Spielen verlieren sich einige hundert Fans in den großen Hallen, aber auch die Partien der Gastgeber haben nur drei-, viertausend Fans angezogen. Auch das lässt Zweifel an der Nachhaltigkeit der Titelkämpfe aufkommen. Katar ist kein Handballland, es soll aber eines werden, zumindest wenn es nach dem Willen des Emirs Hamad bin Khalifa al-Thani und seines Bruders Joaan bin Hamad al-Thani geht, der als Organisationschef der WM firmiert. Damit Katar, das die Fußball-WM 2022 ausrichten wird, nicht nur ein Sportveranstaltungsland, sondern ein echtes Sportland wird, müssen allerdings rasch Erfolge her.

Freie Hand

In den vergangenen Jahren ist deshalb auf Teufel komm raus eingekauft, pardon: eingebürgert worden. Zwei Tage, nachdem er die Spanier als Trainer zum WM-Titel 2013 geführt hatte, läutete bei Valero Rivera das Telefon, kurz darauf war er Teamchef von Katar. "Das lukrativste Angebot meines Lebens." Und Rivera bekam freie Hand, eine Legionärstruppe zusammenzustellen. So finden sich nun im WM-Kader Katars bloß vier katarische Spieler. Ansonsten: Montenegriner, Bosnier, Franzosen, Spanier, Tunesier, Ägypter, Kubaner. Nur eines galt es zu beachten - wer eingebürgert werden sollte, durfte drei Jahre lang für kein anderes Land gespielt haben.

Goran Stojanovic spielte viele Jahre lang in der deutschen Liga, er hat mit dem VfL Gummersbach den Europacup der Pokalsieger und den EHF-Cup gewonnen. Er hütete das jugoslawische Teamtor, dann jenes von Serbien-Montenegro, schließlich jenes von Montenegro. Stojanovic gilt als einer der besten Goalies weltweit. Doch mit 37 bekam er bei den Rhein-Neckar Löwen keinen Vertrag mehr. "Ich wäre gerne in Deutschland geblieben, aber das hat nicht geklappt." Wink des Schicksals, göttliche Fügung, Lottotreffer, so sieht er das mittlerweile - weil auch bei ihm das Telefon geläutet hat.

Geld für Pass

Dem Vernehmen nach zahlte Katar den neuen Landsleuten mehrere hunderttausend Euro allein dafür, dass sie neue Landsleute wurden. Stojanovic hat zudem einen Dreijahresvertrag bei einem katarischen Klub (El Jaish) unterschrieben. Für den Verein hat er noch nie gespielt, vielleicht wird er das nie. Dass Stojanovic erlebt, wie das Emirat, das so groß ist wie Oberösterreich und in dem - neben 1,8 Millionen Gastarbeitern - 300.000 Katarer leben, eine tolle Handball-Liga aufzieht, ist doppelt unwahrscheinlich.

Stojanovic' Job ist es, das Tor des Nationalteams zu hüten. Und diesen Job erledigt er, wie auch der ebenfalls 37-jährige Bosnier Danijel Saric, der sich mit Stojanovic im Katar-Kasten abwechselt. Mag sein, der Erfolg gibt den Katarern Recht. Nach Siegen über Brasilien (28:23) und Chile (27:20) steht der Aufstieg ins Achtelfinale beinahe schon fest.

Dort könnte es, da sich die Gruppen A (Katar) und B (Österreich) überkreuzen, gut und gerne zu einem Duell mit Viktor Szilagyi und Co kommen. Allerdings fehlt den Österreichern nach dem Sieg über Bosnien-Herzegowina (23:21) zumindest noch ein zweiter Erfolg zum Aufstieg. Er könnte und soll am Montag (19 Uhr, live auf derStandard.at/Sport und ORF Sport plus) gegen Tunesien fixiert werden. Das wäre schon einigermaßen nachhaltig. (Fritz Neumann aus Doha, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Goran Stojanovic, in Montenegro gebürtiger Katarer, wirft sich in den  Wurf des Chilenen Maroc Oneto. Dass er in Deutschland keinen Vertrag  mehr bekommen hat, war für den 37-Jährigen ein Lottotreffer.
    foto: apa/epa/ghement

    Goran Stojanovic, in Montenegro gebürtiger Katarer, wirft sich in den Wurf des Chilenen Maroc Oneto. Dass er in Deutschland keinen Vertrag mehr bekommen hat, war für den 37-Jährigen ein Lottotreffer.

  • Coach Valero Riva bekam das Angebot seines Lebens.
    foto: apa/epa/horcajuelo

    Coach Valero Riva bekam das Angebot seines Lebens.

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