"Die Ärzte wurden über den Tisch gezogen"

Interview19. Jänner 2015, 05:30
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Der Leiter der Klinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH, Peter Husslein, erklärt, wieso die Ärzte frustriert sind

STANDARD: Sie haben aufgrund der gesetzlich verordneten Stundenreduktion vor einem Kollaps des AKH im Jänner gewarnt. Der ist ausgeblieben – waren Sie zu alarmistisch?

Husslein: Der Betrieb ist nur deswegen nicht zusammengebrochen, weil alle Ärzte sich bemühen, niemanden zu Schaden kommen zu lassen. Aber die Situation ist extrem angespannt, die Mitarbeiter sind außerordentlich frustriert und verärgert – zu Recht.

STANDARD: Woher kommt die Frustration?

Husslein: Es ist eine Zumutung von der Politik: Seit Jahren ist klar, dass die Arbeitszeitregelung kommen wird, trotzdem wurde bis November 2014 gewartet, ehe das Gesetz beschlossen wurde und jetzt am 1. Jänner in Kraft getreten ist. Aber alle Involvierten wussten, dass die Ärztegehälter auf einem verlogenen System basieren. Das Grundgehalt ist beschämend niedrig und liegt im internationalen Bereich ganz unten. Die Gesamtsumme ist nur deswegen vernünftig, weil es gut bezahlte Nachtdienste gibt. Durch die EU-Verordnung werden aber die Nachtdienste reduziert.

STANDARD: Hilferufe aus dem AKH gab es immer wieder, aber die Gesundheitsversorgung funktioniert.

Husslein: Die häufigen Hilferufe wurden immer ignoriert und waren vielleicht ein strategischer Fehler. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo man sich die Unverschämtheit der Politik nicht mehr gefallen lassen darf. Es ist eine Ausbeutung der Jungärzte, das System funktioniert nur noch, weil die Ärzte einen Altruismus in sich spüren. Trotzdem müssen die Verantwortlichen irgendwann merken, dass es so nicht weitergeht.

STANDARD: Was wäre eine geeignete Maßnahme?

Husslein: Da hilft nur ein radikaler Schnitt. Das System ist seit 20 Jahren verkorkst und wird immer schlimmer.

STANDARD: Wie soll der Schnitt aussehen?

Husslein: Das ist nicht leicht. Wenn ich etwa mehr Putzpersonal anstelle, können die Pflegekräfte mehr Routinetätigkeiten übernehmen, um die Ärzte zu entlasten. Wenn ich die Grundgehälter der Ärzte erhöhe, könnte ich auch über die Einsparung von Nachtdiensten nachdenken.

STANDARD: Kann man denn noch Nachtdienste einsparen?

Husslein: Das Problem des AKH ist, dass es aufgrund seiner Organisationsstruktur nur auf Halbmast gefahren wird. Das AKH ist ja als Universität dem Bund unterstellt, aber als Krankenhaus der Stadt Wien. Die beiden können sich nicht einigen. Deswegen ist es nicht im Vollbetrieb, sonst könnte man über alles reden.

STANDARD: Ist ein Streik für Sie denkbar?

Husslein: Ich bin kein Freund von Streiks. Wir haben aber lange auf sehr konstruktive Weise auf die Missstände hingewiesen. Irgendwann ist es aus. Die Ärzte wurden laufend missbraucht und über den Tisch gezogen.

STANDARD: Wozu haben Sie eigentlich Ihren Mitarbeitern geraten, das Opt-out zu unterschreiben oder nicht?

Husslein: Ich habe es ihnen offengelassen. Es gibt für beides Argumente: Für das Opt-out (freiwillige Zustimmung, die erlaubte Arbeitszeit zu überschreiten, Anm.) spricht, dass auch das Rektorat in eine schwierige Situation gedrängt wurde. Dem Rektorat muss man auch etwas Zeit geben, sich auf die gesetzliche Regelung einzustellen.

STANDARD: Das Rektorat der Med-Uni Wien hat – wie alle Spitalsträger – gewusst, dass das Ärztearbeitszeitgesetz kommen wird.

Husslein: Gewusst haben das vor allem die Gesundheitspolitiker. Da muss man nicht als darunterliegende Einheit vorauseilenden Gehorsam leisten.

STANDARD: Jetzt sind die Ärztinnen und Ärzte in der schwierigen Situation, Verständnis zu erzielen, bei gleicher Bezahlung weniger arbeiten zu müssen.

Husslein: Das ist tatsächlich schwierig: Die Betriebsräte, die gewerkschaftliche Vertretung und die Ärztekammer hätten früh genug erkennen müssen, dass dieses Problem irgendwann kommen wird. Sie hätten sich viel früher auf die Barrikaden stellen müssen. Leider werden Probleme in Österreich erst dann gelöst, wenn man direkt vor der Wand steht.

STANDARD: Ist die Umsetzung des Ärztearbeitszeitgesetzes richtig?

Husslein: Das muss man differenziert sehen. Überarbeitete Ärzte laufen Gefahr, Fehler zu machen. Wenn die Arbeitszeit aber so deutlich heruntergefahren wird, bringt das auch gravierende Ausbildungsprobleme. Bisher hat die Facharztausbildung sechs Jahre gedauert, aber bei einer hohen Anzahl von Arbeitsstunden. Wird die Wochenarbeitszeit verkürzt, kann nicht dasselbe Wissen in kürzerer Zeit erlernt werden. Gerade auch, weil die Medizin immer komplexer wird. Und wenn sich jemand zutraut, mehr zu arbeiten, soll das auch möglich sein. Natürlich gehören die Extreme der Vergangenheit eingedämmt, aber warum man nicht mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten soll, leuchtet mir nicht ein.

STANDARD: Wie kann man gegensteuern?

Husslein: Die schlechten Rahmenbedingungen im AKH können so nicht bleiben. Es braucht eine radikale Lösung, aber das darf nicht auf Kosten der wirklich Kranken ausgetragen werden. Wenn wir schon Leistungen reduzieren, dann bei einfachen Eingriffen, die nicht zwingend im AKH stattfinden müssen. Notfälle, Lehre und Forschung sollen aber nicht an Stellenwert verlieren. Doch ein so großes Spital wie das AKH rechnet sich heute nicht mehr. Das liegt aber an der Organisation der Gesundheitsversorgung. Auch die vielen kleinen Spitäler rechnen sich nicht, die gibt es nur aus standortpolitischen Gründen vor allem rund um die Landeshauptstädte.

STANDARD: Ist es ein Verteilungsproblem, oder ist das System chronisch unterfinanziert?

Husslein: Unterfinanziert ist es nicht. Wir geben viel Geld für das Gesundheitssystem aus, nur völlig ineffizient. Vom "besten Gesundheitssystem der Welt", wie es oft genannt wird, sind wir meilenweit entfernt. Das kann man an der Lebenserwartung sehen, die in Österreich nur durchschnittlich ist. Signifikant ist auch die Zahl der gesunden Lebensjahre, die besonders niedrig ist. Österreicher sind sehr lange am Ende ihres Lebens krank, und sie gehen sehr oft ins Spital. Gleichzeitig haben wir die höchste Zahl an Frühpensionisten: Wenn die Menschen so krank sind, kann das System nicht so toll sein. Wir geben das Geld nicht aus, um gute Medizin zu machen, sondern um Standorte von Spitälern zu sichern. Hier ist nur ein Crash die Lösung.

STANDARD: Wie soll der Crash aussehen?

Husslein: Spitäler müssen vor allem einmal den ganzen Tag ausgelastet sein. Es reichen wenige, dafür voll funktionierende Krankenhäuser. Bei uns funktionieren sie nur am Vormittag, am Nachmittag ist dort völlige Ruhe.

STANDARD: Würden in Wien AKH, SMZ Ost und Krankenhaus Nord dann ausreichen?

Husslein: Wahrscheinlich nicht. Es ergibt keinen Sinn, ein derart großes Krankenhaus wie das AKH permanent herunterzufahren. Ein Spital dieser Größe, wenn ich es nicht abreißen möchte, muss im Vollbetrieb laufen. Es können nicht ständig Stationen und Ambulanzen gesperrt werden, im Gegenteil. Da hätte man sich überlegen müssen, ob man das Krankenhaus Nord überhaupt braucht. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 19.1.2015)

Peter Husslein (62) ist Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizin-Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus (AKH).

  • Für Primar Peter Husslein ist jetzt "der Punkt erreicht, wo man sich die Unverschämtheit der Politik nicht mehr gefallen lassen darf". Der Leiter der Uniklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH kritisiert die "Ausbeutung der Jungärzte" und fordert einen "radikalen Schnitt" im System.
    foto: andy urban

    Für Primar Peter Husslein ist jetzt "der Punkt erreicht, wo man sich die Unverschämtheit der Politik nicht mehr gefallen lassen darf". Der Leiter der Uniklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH kritisiert die "Ausbeutung der Jungärzte" und fordert einen "radikalen Schnitt" im System.

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