Millionenfiasko beim Wiener Krankenanstaltenverbund

18. Jänner 2015, 16:38
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Seit 2006 wurden beim Test des Medikamenten-Verteilungssystem "Unit Dose" 1,63 Millionen Euro in den Sand gesetzt

Wien - Das System hätte den Arzneimittelverbrauch in den Wiener Spitälern um fünf bis zehn Prozent reduzieren sollen. Damit verbunden, hätten die steigenden Kosten in der Medikamentenversorgung eingedämmt, die Versorgung der Patienten verbessert und Mitarbeiter entlastet werden sollen. So wurden die Projektziele definiert, als die Stadtregierung und der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) im Jahr 2006 den baldigen Einsatz des Systems "Unit Dose" (Einzeldosis) für Spitäler ankündigten.

Zur Erklärung: Mit Unit Dose können Ärzte am Spitalsbett via Laptop Medikamente für Patienten verschreiben und an eine Apotheke weiterleiten lassen. Dort wird die Medikamententherapie automatisch vorbereitet: Eine Anlage verpackt die angeforderten einzelnen Arzneimittel aus Großgebinden und Überverpackungen, die Sendungen werden nach Lieferzielen sortiert und für die sofortige Auslieferung bereitgestellt.

Aus dem Projekt wurde ein Millionendesaster: Im März 2014 wurde in der Generaldirektion des KAV entschieden, Unit Dose einzustellen. Die Kosten der jahrelangen Vorarbeiten und des Testbetriebs im Kaiser-Franz-Josef-Spital bezifferte der Wiener Stadtrechnungshof (Stadt-RH) mit 1,63 Millionen Euro. Dazu kommen Kosten für die internen Aufwände des KAV, die der Stadt-RH nicht quantifizieren konnte.

Viele Projektmängel

In einem aktuellen Bericht nimmt der Stadt-RH das Pilotprojekt auseinander. Die Entscheidung des KAV zur Realisierung des Unit-Dose-Systems sei "auf Basis einer von Unwägbarkeiten geprägten Machbarkeitsstudie getroffen" worden. Mängel bei der Berechnung der Investitionskosten und bei der Kalkulation der Reduzierung des Arzneimittelverbrauchs wurden festgestellt.

Kritisch äußert sich der Stadt-RH auch zum Zeitpunkt der Einstellung des durch jahrelange Probleme charakterisierten Projektes: So hätte der damalige Generaldirektor-Stellvertreter des KAV dem Leiter der Stabsstelle Medizinökonomie und Pharmazie am 13. Dezember 2011 mündlich mitgeteilt, dass das Unit-Dose-System eingestellt wird. Tatsächlich passiert ist das erst im März 2014.

Hätte man die Kündigung des Wartungsvertrages im Dezember 2011 in die Wege geleitet, hätte man sich allein an Wartungskosten 140.000 Euro ersparen können.

Keine Pönalzahlungen

Interessant ist die Feststellung, dass eine säumige Firma keine Pönalzahlungen leisten musste, obwohl diese vereinbart waren. Für den Fall der Überschreitung der Leistungsfrist hätte das Unternehmen pro Tag 1500 Euro Strafe zahlen sollen, höchstens jedoch 15 Prozent der Auftragssumme.

Man einigte sich aber auf eine einvernehmliche Vertragsauflösung. "Wieder einmal haben die Wienerinnen und Wiener durch das Missmanagement von Stadträtin Sonja Wehsely die Rechnung zu bezahlen", sagte Wiens ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec.

Der KAV macht in einer Stellungnahme für den STANDARD externe Firmen für die Misere verantwortlich, "begonnen mit der Bereitstellung einer offenbar unzureichenden Machbarkeitsstudie bis hin zu den Problemen der beauftragten Softwarefirma, die auch schließlich in Konkurs gegangen ist".

System nicht geeignet

Das System Unit Dose sei für den KAV als nicht geeignet eingestuft worden, weil es "nicht die erhofften Logistikerleichterungen" brachte. Das Unternehmen "Swisslog", das unter anderem ein Unit-Dose-Konzept entwickelt hat, berichtet hingegen, dass in US-amerikanischen Krankenhäusern schon mehr als 75 Prozent der oral zu verabreichenden Medikamente als Unit-Dose-Medikation verabreicht werden - um Kosten zu senken und die Patientensicherheit zu erhöhen. Auch in einigen deutschen Krankenhäusern ist Unit Dose im Einsatz.

Bezüglich der Wartungskosten, bei denen man bei früherer Kündigung mehr als 140.000 Euro einsparen hätte können, verwies der KAV darauf, dass eine frühere Vertragsauflösung nicht möglich war. Der KAV gelobte hinsichtlich künftiger Machbarkeitsstudien sowie Pönalezahlungen für externe Firmen Besserung. (David Krutzler, DER STANDARD, 19.1.2015)

  • Im Kaiser-Franz-Josef Spital wurde das System "Unit Dose" vom KAV getestet. Das Projekt war von jahrelangen Problemen und Verzögerungen charakterisiert.
    foto: reuters / heinz-peter bader

    Im Kaiser-Franz-Josef Spital wurde das System "Unit Dose" vom KAV getestet. Das Projekt war von jahrelangen Problemen und Verzögerungen charakterisiert.

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