Vom Rad zum Bike zum Auto – zum Rad?

Blog18. Jänner 2015, 12:21
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Das Verschwinden der Fahrräder aus den Straßen in Schwellenländern ist ein großes Hindernis im Kampf gegen den Klimawandel

Ich war im Frühjahr 1991 das erste Mal in Indien, kurz bevor das Land aufgrund einer massiven Finanzkrise große wirtschaftliche Reformen eingeleitet hat. In diesem Winter war ich das vierte Mal dort – diesmal vor allem in Mumbai und Umgebung.

Einiges hat sich in diesen 24 Jahren in Indien verändert, manches ist gleich geblieben. Der augenscheinlichste Wandel betrifft den Straßenverkehr: Fahrräder sind fast vollständig verschwunden – nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Dörfern - und wurden von Mopeds, Motorrädern und zunehmend auch Autos verdrängt.

Privatwagen fährt vornehmlich immer noch die Oberschicht, aber wer immer sich ein Bike leisten kann – und das sind in Indien heute hunderte Millionen – schafft sich ein motorisiertes Zweirad an. Junge Männer reden von fast nichts anderem, und der größte Traum für viele ist derzeit ein KTM-Bike, die in Indien produziert werden.

So wie China, Vietnam und Österreich

Die gleiche Entwicklung haben in den 1990er Jahren ostasiatische Staaten wie China und Vietnam durchgemacht – und wir in Mitteleuropa bereits in den 1950er Jahren, als die Fahrräder verschwanden. Und wer je auf ein indisches Fahrrad gestiegen ist – schwerfällig und ohne Gänge – kann verstehen, dass man lieber mit Motorrad fährt. Auch aus ökologischer Sicht sind Motorräder ein ganz guter Kompromiss zwischen Bequemlichkeit und Klimaschutz.

Aber man weiß auch, wie die Geschichte weitergeht. In Europa in den 1960er und 1970er Jahren stieg die große Mehrheit auf Autos um, und das gleiche geschieht derzeit in China. Die Folge ist ein wachsendes Verkehrschaos begleitet von einem steigenden CO2-Ausstoß, der viele anderen Bemühungen für Klimaschutz zunichtemacht.

Und irgendwann kommt dann der Punkt, in der sich eine entwickelte Gesellschaft vom Auto wieder ab- und zum Fahrrad zuwendet. Das geschah zuerst in den Niederlanden und Dänemark und nun in weiten Teilen Westeuropas und manchen Städten in den USA.

Radwege und moderne Fahrräder gesucht

Ohne in einen westlichen Paternalismus zu verfallen, muss man sich hier schon die Frage stellen, ob Schwellenländer diese destruktive und für das Weltklima höchst gefährliche Entwicklung überspringen und gleich zu einer Fahrradgesellschaft wechseln könnten. Nötig wären dafür Radwege, die erst gebaut werden müssten, und eine Produktion moderner, günstiger Fahrräder, möglichst aus heimischer Produktion.

Bereitschaft dafür ist in den betroffenen Ländern kaum vorhanden. Die Menschen träumen vom eigenen Wagen, der ihnen Freiheit und Autonomie verspricht, und sehen nicht ein, warum sie auf etwas verzichten sollen, was in Europa und den USA ein zentraler Aspekt der Wohlstandsgesellschaft ist. Und deshalb hat auch die Politik kein Interesse daran, den verkehrspolitischen Kurs zu ändern.

Aufgabe für westliche Institutionen

Aber das wäre die Aufgabe westlicher Institutionen, von Weltbank über EU-Kommission und allen anderen, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. NGOs wie World Bicycle Relief sind zwar bei der Förderung von Rädern in Afrika aktiv, aber ihnen geht es entwicklungspolitisch um den ersten Schritt, nämlich den Ärmsten den Zugang zu einem Rad zu verschaffen.

Die noch größere Herausforderung aber wäre es, der Mittelschicht in den Schwellenländern die Vorteile des Radfahrens zu vermitteln. Das könnte ein entscheidender Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels sein- und auch zur Förderung der Lebensqualität und der wirtschaftlichen Produktivität, die massiv unter schlechter Verkehrsplanung leidet, werden. (Eric Frey, derStandard.at, 18.1.2015)

  • Straßenszene im indischen Mumbai: Die Autos werden mehr, Räder gibt es keine mehr
    foto: ap/rajanish kakade

    Straßenszene im indischen Mumbai: Die Autos werden mehr, Räder gibt es keine mehr

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