Nach den Anschlägen: Die Tränen der französischen Muslime

16. Jänner 2015, 18:25
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Die Mehrheit der Muslime in den Banlieues leidet stark unter den extremistischen Gewalttätern

Frankreich erholt sich nur langsam vom Schock des 7. Jänner. Nach den Terroranschlägen auf "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt ist die Rede von einem "kulturellen 9/11". In den Straßen patrouillieren jetzt Soldaten; immer wieder werden Metro-Stationen und Bahnhöfe wegen Bombenalarms geräumt. Bei einer Razzia wurden zwölf Verdächtige festgenommen. Am Freitag sorgte dann die Nachricht einer weiteren Geiselnahme in einem Postamt bei Paris für Aufregung - doch bald war der Täter verhaftet. Es gab keinen Terror-Hintergrund.

Der Verkauf von Beruhigungsmitteln hat landesweit auf einen Schlag um 18 Prozent zugenommen, doch unerschrocken beharrt die TV-Satire Guignols de l'info auf ihrer frechen Satire: Ein einäugiger Bin Laden verkündet, er werde auch "diesen Voltaire umlegen müssen". Natürlich wegen eines Zitats des 1778 verstorbenen Aufklärungsphilosophen: "Ich bin nicht mit ihren Ideen einverstanden, aber ich kämpfe dafür, dass Sie sie äußern dürfen."

Daran gehindert wird indes die türkische Zeitung "Cumhuriyet": Die türkische Justiz leitete ein Verfahren gegen sie ein, weil sie die neueste Mohammed-Karikatur aus "Charlie Hebdo"
abdruckte.

Großdemo am Sonntag

Dieser Gedanke der Meinungsfreiheit hatte auch bei der Großdemo in Paris Pate gestanden: Viele Franzosen haben noch nie "Charlie Hebdo"gelesen, sind aber am vergangenen Sonntag erstmals auf die Straße gegangen. Darunter waren auch Muslime; die TV-Teams stürzten sich auf sie, um die "unité nationale" zu illustrieren.

Doch hinter dem Bild des nationalen Schulterschlusses kommt auch eine andere Realität zum Vorschein: Der bretonisch-kamerunesische Komiker Dieudonné twitterte mit Bezug auf einen der Terroristen, er fühle sich als "Charlie Coulibaly"; nun wird er wegen Terror-Verherrlichung strafrechtlich verfolgt. "Dieudo" ist für Pariser Medien ein Antisemit, für viele Einwanderungskids hingegen ein Idol.

Einer der "Helden von Paris", Lassana Bathily, der im jüdischen Laden arbeitete und Kunden unter Einsatz seines eigenen Lebens schützte, stammt (wie Coulibaly) aus Mali und ist Muslim. Seine rund acht Millionen Glaubensbrüder in Frankreich - genaue Statistiken sind aus Gründen der "égalité" verboten - waren von der Brutalität der Attentäter ebenso geschockt wie die ganze Welt. Die meisten lehnen die Mohammed-Karikaturen als Beleidigung ab; aber sie betonen immer wieder, fast verzweifelt, diese Täter hätten nichts mit ihrem Islam zu tun.

Problemmilieu Vorstadt

Als der Regionalsender France 3 in diesen Tagen Vorstadtschüler befragte, sagten ein paar "Gaulois" (so werden die weißen Franzosen in den Banlieue-Vierteln genannt) schlaue Dinge über die Meinungsfreiheit. Dann war die Reihe an einem schwarzen Mädchen: Es sagte, es fühle Scham, ja Schuld, Muslimin zu sein, und begann zu schluchzen. Es waren lange zurückgehaltene Tränen einer Glaubensgemeinschaft, die sich von den Terrorattacken noch stärker betroffen fühlt als andere Franzosen. "Die Terroranschläge offenbaren kein Abgleiten der muslimischen Banlieue-Bevölkerung an sich, sondern lediglich einiger krimineller Jugendlicher, die mehrheitlich muslimisch sind - neben vielen Konvertiten", analysiert Olivier Roy, einer der besten Islamkenner Frankreichs.

"Die Islamisten wollen im Herzen der europäischen Städte Emirate errichten und die Scharia einführen", erklärt der Arabien-Experte Michel Basbous. "Dieses Projekt treiben sie mit jihadistischen Netzwerken voran, die ihnen zum nötigen Geld verhelfen. Aber diese Leute sind eine extreme Minderheit in den Banlieues; sie verkörpern nicht die Massen."

Doch Frankreich macht es sich wohl zu leicht, wenn es das Problem der "Banlieue-Terroristen" einzig auf den Islam zurückführt. Die einstige Kolonialmacht hat die Immigranten in Wohnsilos gepfercht und ausgegrenzt. Einzelne dieser "cités" wurden bis heute nicht vom öffentlichen Verkehr erschlossen. Das erklärt mit die hohe Jugendarbeitslosigkeit: Wer keinen Arbeitsplatz erreichen kann, bekommt auch keinen. Wer Mohammed oder Ali heißt: noch weniger. Das alles verstärkt das Gefühl der Diskriminierung, das letztlich den Nährboden der Banlieue-Gewalt bildet. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 17.1.2015)

  • Gedenken an die Opfer des Attentats in Paris.
    foto: reuters/christinne muschi

    Gedenken an die Opfer des Attentats in Paris.

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