"Gegenwart der Erinnerung": Die Stille zwischen damals und jetzt

16. Jänner 2015, 17:25
1 Posting

Christiane Pohle schafft in Graz mit Gert Jonkes Theaterstück einen langsam an der Grenze zwischen Einbildung und Realität fließenden Abend. Das Ensemble hat Platz für einen schönen Text rund um ein Fest, auf dem die Zeit besiegt werden soll

Graz - Gert Jonke hat seine Worte nicht aufs Papier geworfen, sondern abgewogen und ausprobiert. So trägt auch sein vor 20 Jahren geschaffenes Theaterstück Gegenwart der Erinnerung nicht ohne Grund den Untertitel "Ein Festspiel". Denn in dem Stück soll ein Fest quasi nachgespielt werden, damit es genauso vonstattengeht wie im vorangegangenen Jahr.

Die Berlinerin Christiane Pohle, zuletzt mit Thomas Bernhards Untergeher am Schauspielhaus Graz zu Gast, feierte am Donnerstag Premiere mit dem Stück des 2009 verstorbenen Kärntner Autors.

Der Fotograf Anton Diabelli (Christoph Rothenbuchner) und seine Schwester Johanna (Philine Bührer) laden sich dieselben Gäste - allesamt "wichtige" Mitglieder der Gesellschaft aus Politik, Kultur und Beamtenschaft - zu einem Fest ein, um ein Experiment durchzuführen. Wenn alles absolut gleich abläuft wie im Vorjahr, könne man dann in den Köpfen der Anwesenden die Grenze zwischen gegenwärtiger Erinnerung und immer gleich wieder vergangener Gegenwart aufheben?

Im Stück kann man das. Um Grenzen verschwimmen zu lassen, kann eine gewisse Schummrigkeit nicht schaden. So bleiben auch die Zuseher die längste Zeit gemeinsam mit wechselnden Protagonisten ausgesperrt vom eigentlichen Fest. Die Festtafel steht, ins warme Licht einer Retrolichterkette getaucht (Bühne und Kostüme: Penelope Wehrli) hinter milchigen Folien. Was dort geschieht, kann man manchmal nur schemenhaft sehen.

Heraußen, in einer Mischung aus Lagerhalle und Garderobe, philosophieren die Diabelli-Geschwister unter anderem mit dem Zweifler und Komponisten Burgmüller (Sebastian Reiß) und dem der Welt abgewandten Maler Waldstein (witzig: Florian Köhler). Man kann die Sprache Jonkes genießen und ihre Zirkel, in denen sie sich selbst umschließt, genießen. "Der Mensch verschluckt sich selbst in sich hinein", heißt es da. Ein schöner Dialog entspinnt sich da etwa über Theorien, woher das Abendrot kommt, zwischen der Magistratsdirektorin (Franziska Benz) und dem Bauinspektor (Franz Xaver Zach). Das gesamte Ensemble geht liebevoll mit dem Text um.

Unterhaltsam sind auch Exkurse wie jener von Thomas Frank, der als Dichter in Rage gerät ob der Ungerechtigkeit, die Umblätterern von Pianisten widerfährt.

Der Maler Waldstein erklärt die für ihn reinste Form der Musik: die virtuose Lautlosigkeit. Da füllt ein monströser, amorpher Ballon langsam den dunklen Bühnenraum. Die reduzierten Klänge zum Stück komponierte Gerriert K. Sharma. Pohle lässt sich nicht hetzen, selbst wenn der Oberbaurat alias Gerhard Balluch gebetsmühlenartig sagt: "Man will auch wieder nach Hause gehen", was viele Zuseher in der Pause taten. Seine zweieinhalb Stunden füllt das dichte Sprachspiel aber voll aus. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 17.1.2015)

Nächste Aufführung: 20. 1.

Link

Schauspielhaus Graz

  • Lukas Hirzberger (vorn) steuerte reduzierte Klänge bei, Gerhard Balluch (li.) und Christoph Rothenbuchner sind an der Tafel.
    foto: lupi spuma

    Lukas Hirzberger (vorn) steuerte reduzierte Klänge bei, Gerhard Balluch (li.) und Christoph Rothenbuchner sind an der Tafel.

Share if you care.