Sozialer Stress macht uns weniger empathisch

17. Jänner 2015, 17:31
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Fremden gegenüber sind Menschen und Mäuse gleichermaßen weniger mitfühlend, doch Stressabbau verbessert das Einfühlungsvermögen

Montreal - Vermutlich kennt jeder das Phänomen aus eigener Erfahrung: Die Fähigkeit zur Empathie, also das Nachempfinden der Gefühle seiner Mitmenschen, ist nicht immer gleich stark ausgeprägt. Insbesondere gegenüber Fremden zeigen wir uns weit weniger mitfühlend als bei Freunden und Bekannten. Woran das liegt, haben nun kanadische Forscher herausgefunden. Hauptursache ist der natürliche soziale Stress beim Kontakt zu Fremden. Stress-Abbau hingegen führt zu mehr Empathie - und das funktioniert mit ganz einfachen Mitteln sowohl bei Mäusen als auch bei Mensche.

Mäuse reagieren oft stark auf Schmerzen, die einer anderen Maus zugefügt werden, schreiben Jeffrey Mogil und seine Mitarbeiter von der McGill Universität in Montreal in der Zeitschrift "Current Biology". Diese empathische Reaktion gilt allerdings nur für Bekannte - das Schicksal fremder Mäuse belastet die Tiere offenbar weniger. Eine kleine Dosis des Stress-abbauenden Hormonblockers Metyrapon dagegen ließ die Versuchsmäuse in Gegenwart eines fremden Artgenossen ähnlich reagieren, wie wenn dieser ein lange bekannter Mitbewohner des Käfigs wäre. Stress scheint also dem Einfühlungsvermögen im Wege zu stehen.

Entstresste Studenten

Das kann auch für Menschen gelten, fanden die Forscher heraus. Sie baten Studenten, ihre Hand in ein Gefäß mit Eiswasser zu tauchen. Zusammen mit einem Bekannten erlebten die Studenten den Schmerz stärker als bei einem Fremden - auch dies sei ein Zeichen von Empathie. Auf der anderen Seite zeigten zuschauende Freunde stärkere Reaktionen auf den Eis-Schock Probanden als danebensitzende Fremde. Bekamen nun die Versuchspersonen das Stress-lösende Mittel, so stieg ihre Empathie deutlich. Das galt sowohl für den Probanden mit der Hand im Eis als auch für den fremden Zuschauer. Dies ging soweit, dass die Zuschauenden oft unwillkürlich ihre eigene Hand berührten, wenn ihr Gegenüber die seine ins Eiswasser tauchte.

Zum Stress-Abbau benötigen Menschen aber nicht unbedingt eine "chemische Nachhilfe" - es genügten 15 Minuten eines gemeinsamen Videospiels, berichten die Forscher. Eine Runde mit dem Videospiel "Rock Band" vor den Tests führte bei einander fremden Studenten zum gleichen Ergebnis wie das Stress-abbauende Mittel. Bei dem Spiel machen die Teilnehmer zusammen Musik.

Einfache gemeinsame Aktivität reiche offenbar aus, um einen Menschen von der "Fremdgruppe" in die "Freundesgruppe" einzuordnen und diesem Empathie entgegen zu bringen, sagte Mogil. Wer "Rock Band" alleine spielte, zeigte hingegen keine größere Empathie.

Sozialer Stress bei Menschen und Mäusen

"Es ist faszinierend, dass dieses Phänomen bei Mäusen und Menschen identisch zu sein scheint", kommentiert Mogil. Die Studie zeige, warum Empathie nicht öfter unter Fremden vorkomme. "Das Geheimnis ist ganz einfach Stress, und zwar besonders der soziale Stress, nahe bei einem Fremden zu sein." Die Studie beweise außerdem, dass Mäuse zu einem komplexeren sozialen Verhalten fähig seien als bisher angenommen. "Auf der anderen Seite zeigt sie, dass soziale Phänomene bei Menschen einfacher sein könnten als bisher geglaubt."

Das Verhalten habe sich über die Evolution hinweg konserviert, schreiben die Forscher in ihren Fachartikel. Auch bei Ratten habe eine früheren Studie gezeigt, dass Tiere mit einem relativ geringen Level des Stresshormons Corticosteron hilfsbereiter seien. (APA/red, derStandard.at, 17.01.2015)

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