Kerzen statt Finsternis

Kommentar der anderen16. Jänner 2015, 17:19
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Das König-Abdullah-Zentrum hat erst vor wenigen Wochen auf einer Konferenz in Wien eine umfassende Erklärung gegen religiöse Gewalt im Nahen Osten zustande gebracht. Nur mit diesem Dialog kann dem Terror beigekommen werden

In der vergangenen Woche wurde Paris zugleich Zeugin des furchtbarsten Missbrauchs sowie des erhebendsten Ausdrucks von Religion. Nachdem in ihrem Namen schreckliche Terrorakte und Morde in der französischen Hauptstadt begangen worden waren, fand dort auch die größte je gesehene Demonstration menschlicher Solidarität von Christen, Muslimen und Juden zusammen mit Menschen ohne religiöses Bekenntnis statt.

Hände ergreifen

Diese Solidarität sollte uns nun alle - und zwar mehr als je zuvor - dazu inspirieren, sowohl über ethnische, geografische und ideologische Differenzen hinwegzusehen als auch jene Hände mit Dankbarkeit zu ergreifen, die uns gereicht werden, um ein besseres Verständnis und mehr Kooperation in der Welt zu fördern.

Hätten die Juden es abgelehnt, sich mit der christlichen Welt auseinanderzusetzen, solange antijüdische Vorurteile existieren, dann hätten wir bis heute keine bemerkenswerte Veränderung in den christlich-jüdischen Beziehungen erlebt.

Die Regierungen von Österreich und Spanien haben sich der historischen Initiative des Königs von Saudi-Arabien angeschlossen, ein Zentrum für den interkulturellen und den interreligiösen Dialog (King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue, KAICIID) zu etablieren. Die Initiative wurde aktiv vom Vatikan unterstützt. Und unter den neun Mitgliedern des Direktoriums befinden sich nicht nur Abgesandte des Vatikans, sondern auch solche des orthodoxen Patriarchen und des Erzbischofs von Canterbury.

Sie hätten es ablehnen können, Teil dieser Initiative zu sein, solange ihre Glaubensgemeinschaften nicht volle Religionsfreiheit in allen Gründerstaaten genießen. Dennoch haben sie beschlossen, dass genau diesem Ziel und vielen anderen besser gedient sei, wenn sie Teil dieser Initiative sind. (Und nur nebenbei: Es war eine Entscheidung des Direktorengremiums, das Zentrum nach der Person zu benennen, die es gegründet hat: König Abdullah bin Abdulaziz von Saudi-Arabien.)

Die Wahl, so beschreibt es ein Sprichwort, besteht darin, entweder die Düsternis zu verfluchen oder eine Kerze anzuzünden. Werden tatsächlich Kerzen angezündet, dann ist nicht sofort alles überall in Licht getaucht. Diejenigen allerdings, die es im Namen der ideologischen Reinheit vorziehen, die Finsternis zu verfluchen, die schreiben diese bis in alle Ewigkeit nur fort.

Erst vor ein paar Wochen hat das König-Abdullah-Zentrum die größte je dagewesene Zusammenkunft von namhaften muslimischen, christlichen, kurdischen und jesidischen Führern aus dem Irak, Syrien, dem Libanon und anderswo im Nahen Osten organisiert. Dabei wurde eine weitum vernommene Ablehnung des gewalttätigen Missbrauchs von Religion, vor allem im Namen des Islam, in diesen Ländern verabschiedet. Das war nur eine der wichtigen Aktivitäten des KAICIID seit seiner Gründung. Es gibt sicherlich noch viel mehr zu tun. Wenn wir diese Aktivitäten bestärken, dann werden wir auch Erfolg dabei haben, Geisteshaltungen und Verhaltensweisen zum Besseren zu verändern - in den Ländern, die direkt in die Arbeit des Zentrums eingebunden sind, und auch anderswo in der Welt. (David Rosen, Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Prantner, DER STANDARD, 17.1.2015)

David Rosen (Jg. 1951) ist Internationaler Direktor der Abteilung für Interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee und Direktoriumsmitglied des KAICIID.

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