Denken als Rhythmus, Pop und Performance

16. Jänner 2015, 17:01
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Eine neue Philosophie-Generation meldet sich an - samt der Zeitschrift "Sublin/mes"

Wien - Gut, dass es Slavoj Zizek gibt. Und die Popkultur, dank der es heißen kann: Dieser Philosoph ist "Kult". Die Auftritte des 65-jährigen Frontmanns des Denkens ziehen als witzgeladene und provokante Wortkonzerte große Auditorien an. Seine Philosophie muss sich nicht als vordergründige "Lebenshilfe" anbiedern.

Noch einen Schritt weiter in Richtung Lässigkeit tut eine junge Philosophie-Generation, wie in Wien jetzt zweimal zu erleben war. Das Kollektiv "Philosopieren von unten" hat die neue Ausgabe seiner Zeitschrift Sublin/mes gerade im Tanzclub Fluc mit Slam und Musik vorgestellt. Und ein weiterer Zusammenschluss junger Freunde der Weisheit hat mit einem ersten Programmabend in der neuen "Schmähbar" Spektakel 2.0 und im benachbarten Lokal Celeste seine Reihe "Philosophy Unbound" vom Stapel gelassen.

Im Spektakel 2.0 zeigte die Choreografin Carola Fuchs ihr Solo Tableau vivant, eine Text-Bild-Körper-Choreografie mit Zitaten aus Judith Butlers Buch Körper von Gewicht. Fuchs tanzt da in Projektionen von Gemälden wie Sandro Botticellis Geburt der Venus, Jean-Léon Gérômes Phyrne vor den Richtern, Pablo Picassos Demoiselles d'Avignon oder etwa einem Foto aus dem Solo Self Unfinished des konzeptuellen Choreografen Xavier Le Roy. In diesem visuellen Mashup werden Butlers Thesen zu kulturell gebrochener Körperlichkeit und der Künstlichkeit der Geschlechter neu gemischt.

Gebrochen ist auch das zeitgenössische Verständnis des Begriffs Vernunft, meint der Initiator des Programms, Kilian Jörg. Also hat er jetzt ein Buch in Arbeit, das die Vernunft in die Zusammenhänge jüngsten Philosophierens stellen soll. Nach einer Leseprobe aus dem halbfertigen Werk gab es noch einen Poetry Slam von Veronica Lion und Ina Thomann sowie ein Extra-Statement mit der Forderung: "Alles ist Philosophie!" Begeisterter Applaus in dem hoffnungsvoll überfüllten Spektakel-Theater.

Von den gefeierten Größen der Postmoderne hat sich diese neue, betont unbekümmert auftretende Philosophie-Generation selbstverständlich verabschiedet - und von der Universitäts-Denkschule ebenso. Die Abkehr von der "Academia" leitet auch das "Philosophieren von unten" an. Die im Fluc mit dem FS Massaker Trio und den Slammerinnen Lion & Thomann präsentierte neue Ausgabe von Sublin/mes hat das Thema "Rhythmus" zum Inhalt.

Entsprechend schwingt auch die Glorie der Popkultur aus den klugen, aufmüpfigen Texten von u. a. Tanja Traxler, Elisabeth Schäfer, Sabina Holzer, Dimitri Smirnov und Georg Fattinger. Sublin/mes kann man kostenlos downloaden. Und die nächste Ausgabe von "Philosophy Unbound" kommt am 25. März. Dann geht es um Feminismus von heute. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 17.1.2015)

  • Carola Fuchs in ihrem Solo "Tableau vivant".
    foto: martina rosenthal

    Carola Fuchs in ihrem Solo "Tableau vivant".

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