Patienten stehlen am liebsten Klatschzeitschriften

18. Jänner 2015, 09:00
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Warum liegen in Wartezimmern vorwiegend alte Zeitschriftenausgaben? Neuseeländische Mediziner analysierten den Zeitschriftenbestand einer Arztpraxis und kamen zu dem Ergebnis: Im Gegensatz zu seriösen Magazinen werden Klatschblätter gerne gestohlen

Wien - Man sitzt im Wartezimmer einer Arztpraxis, der Handyakku neigt sich dem Ende zu, und man greift gelangweilt zu einem dieser bunten Blättchen, die wie auf einem Grabbeltisch verstreut liegen. Erstaunt stellt man fest, dass die Ausgaben der Bunten, Frau im Spiegel oder Geo schon ein paar Wochen, manchmal auch schon ein paar Monate alt sind. Der Tratsch und Klatsch ist längst vorüber, das strahlende Promipaar, das einen im Hochglanzmagazin anlächelt, ist vielleicht schon gar nicht mehr zusammen, und das Popsternchen hat vielleicht schon einen Neuen. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern, heißt es. Magazine mögen vielleicht ein längeres Verfallsdatum haben, alt sind sie aber trotzdem. Warum ist das so? Warum liegen beim Arzt immer nur alte Magazine herum?

Arztpraxis in Auckland

Dieser Frage sind neuseeländische Wissenschafter nachgegangen. Für ihre Untersuchung, die im Dezember 2014 im Fachblatt British Medical Journal erschien, legte das Team von Professor Bruce Aroll 87 verschiedene Magazine im Wartezimmer einer Arztpraxis in Auckland aus.

Die Publikationen wurden mit einer kleinen Nummer versehen und in drei Kategorien eingeteilt: Klatsch, Nichtklatsch und äußerster Tratsch, wobei als Definitionskriterium für Klatsch fünf oder mehr Bilder von Berühmtheiten auf dem Titel genügten. Was die Patienten nicht wussten: Sie wurden Teil eines Versuchs. Zweimal pro Woche kam ein Mitarbeiter kurz vor der Praxisöffnung vorbei und überprüfte den Bestand. Nach 31 Tagen wurde das Experiment beendet.

Nur ein Klatschmagazin blieb übrig

In diesem Zeitraum gingen 5164 Patienten in der Praxis ein und aus. Zu ihrer Verwunderung stellten die Wissenschafter fest, dass 41 der insgesamt 87 Magazine verschwunden waren. Pro Tag wurde folglich mehr als ein Exemplar gestohlen. Von den Klatschmagazinen war am Ende nur noch eines übrig. Dagegen interessierte sich für die seriöse Presse kaum jemand. Die 19 Nicht-Klatsch-Magazine (vier Ausgaben des Time Magazine, 15 des Economist) blieben als Ladenhüter in der Praxis liegen. Daraus schlossen die Wissenschafter: Je mehr Klatsch, desto größer der Schwund. Interessant ist, dass von den Exemplaren vorwiegend die aktuellsten mitgenommen wurden. Dies erklärt, warum in der Praxis immer nur alte Magazine herumliegen. Die Patienten haben sich die Langeweile des Lesestoffs selbst zuzuschreiben.

Universelles Phänomen

Nun kann man den Befund aus einer neuseeländischen Arztpraxis schwerlich verallgemeinern. Die Forscher sind sich aber sicher, dass es sich dabei um ein "universelles Phänomen" handele. Soll heißen: Gestohlen wird überall. Die Kosten dieser Schwindsucht sind beträchtlich.

Wenn man die Resultate auf die rund 20.000 niedergelassenen Ärzte in Österreich extrapoliert, entstünden monatliche Kosten von rund 3,3 Millionen Euro (41 Magazine à vier Euro). Fürs Erste empfehlen die Wissenschafter, alte Ausgaben von Economist und Time Magazine in der Praxis auszulegen. In jedem Fall seien aber weitere Forschungen in der "Wartezimmerwissenschaft" vonnöten, resümieren die Autoren. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 17.1.2015)

  • Zeitschriften sollen wartenden Patienten die Zeit vertreiben. Der Lesestoff ist  aber meist veraltet - aktuelle Blätter "verschwinden".
    foto: matthias cremer

    Zeitschriften sollen wartenden Patienten die Zeit vertreiben. Der Lesestoff ist aber meist veraltet - aktuelle Blätter "verschwinden".

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