Die Jungen sind ein alter Hut

Kolumne18. Jänner 2015, 17:00
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Eine 80-Jährige ist das neue Postergirl von Céline. Das macht Mut!

Julia Roberts, 47-jähriger Fixstern am Himmel Hollywoods, wies für Givenchy schon in die richtige Richtung. Die gut gelaunten No-Name-Großmütter (in Vintage-Trachten) auf den neuen Dolce&Gabbana-Sujets waren dann, so scheint es, die endgültigen Vorboten für Amerikas Parade- und Mode-Intellektuelle Joan Didion, die mit dem neuen Jahr zum neuen Gesicht der Frühjahrskampagne der französische Modemarke Céline avanciert ist. Es schaut also ganz danach aus, als wären die Jungen langsam ein alter Hut. Zumindest in der Mode. Joan Didion ist nämlich gerade 80 geworden.

Härter arbeiten!

Zugegeben: Die große schwarze Brille hilft, und vielleicht auch die Tatsache, dass der deutsche Wunderfotograf Jürgen Teller der Mann am Abdrücker war. Aber die schöne Botschaft dahinter ist trotzdem eindeutig und nicht nur ein Plädoyer gegen plastische Chirurgie. Didion steht zum einen für einen klugen Kopf und zum anderen für sehr viel erlebte Frauengeschichte ("Wir erzählen Geschichten, um zu leben" heißt einer ihrer Essaybände).

Die unermüdlich coole Reporterin, die lange auch für die "Vogue" schrieb, ist heute nicht nur eine Ikone, sondern vor allem auch eine Überlebende. Ihre weltbekannten Bücher, u. a. "Das Jahr des magischen Denkens" und "Blaue Stunde", erzählen offen und schonungslos über den Tod ihres Mannes und, nur kurze Zeit später, den ihrer erwachsenen Tochter. "Nicht jammern" steht angeblich auf einer ihrer Karteikarten, die zu Hause in New York an der Wand pinnen. Und: "Härter arbeiten".

Einfach weitermachen!

In einem Jahr, das milde gesprochen ohnehin da und dort nicht ganz optimal begonnen hat, spendet einem ausgerechnet der Anblick eines 80-jährigen Postergirls Trost. Joan Didion macht Mut, und ohne dass sie das großartig beabsichtigt hätte. Denn ihre leise, aber nachdrückliche Ansage lautet beim bloßen Anschauen des Sujets ganz einfach: Weitermachen! Trotz allem! Weitermachen! Was bleibt einem angesichts aller Katastrophen, der persönlichen und der weltpolitischen, auch anderes übrig? (Mia Eidlhuber, derStandard.at, 18.1.2015)

  • Artikelbild
    foto: jürgen teller/céline
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