2000 Euro für den Schlepper

Reportage18. Jänner 2015, 08:00
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Viele syrische Flüchtlinge nutzen Bulgarien als Sprungbrett ins Herz Europas - obwohl sie laut EU-Verordnung dort bleiben müssten

Die letzten Worte des Rufes zum Gebet gingen im Straßenlärm unter, als das Taxi an einem warmen Abend anhielt. Ali Najaf blickte sich um und trat auf die gepflasterte Straße. Seine tiefbraunen Augen glitten über die Stände und Geschäfte des Frauenmarkts, eines quirligen Orts in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

Die Gegend ist bei Migranten aus dem Nahen Osten sehr beliebt, und Ali brauchte nicht lange, um jemanden zu finden, der seine beiden Muttersprachen, Kurdisch und Arabisch, beherrschte.

"Werden von hier aus Flüchtlinge nach Deutschland gebracht?", fragte Ali leise zwei Männer, die auf der Treppe eines Secondhandladens herumstanden. Sie nickten in Richtung Tür, und Ali trug sein Gepäck in das Haus. Die gesamten Habseligkeiten seiner Familie waren in zwei Rucksäcken, einem kleinen Koffer und einer Einkaufstasche verstaut. Ali, seine Mutter, sein Bruder und seine zwei Schwestern machten sich wieder einmal auf den Weg.

Ali ist ein magerer, 25-jähriger kurdischer Student. Sein Vater starb, als er noch ein kleiner Bub war und in Rojava lebte, wie die Kurden den syrischen Teil ihres Heimatlandes nennen. Seine Englischkenntnisse haben ihn zum Oberhaupt der Familie gemacht, und er ist bemüht, zuversichtlich und kontrolliert zu wirken.

In Syrien studierte Ali Erdöltechnik in der Stadt Homs. Im Sommer 2013 wollte er nach Abschluss der Semesterprüfungen in seine Heimatstadt zurückkehren, als maskierte Kämpfer seinen Bus aufhielten.

"Sie befahlen allen Männern auszusteigen und drohten damit, unsere Kehlen durchzuschneiden, wenn wir ihnen nicht sagten, was sie wissen wollten. Aber ich konnte mit ihren Fragen nichts anfangen", erinnerte sich Ali.

Nach fünf Tagen in Gefangenschaft wurden die jungen Männer freigelassen. Später wurde das Versteck der Kämpfer von Flugzeugen bombardiert und ihr Anführer getötet. Die Gruppe verdächtigte Ali und die anderen, dem syrischen Regime verraten zu haben, wo es zuschlagen sollte.

"Sie setzten ein Kopfgeld auf uns aus. Deshalb mussten wir fortgehen", erzählte Ali.

Fluchtartig verließ die Familie Syrien mithilfe eines Freundes, der sie über die Grenze in die Türkei und dann mit dem Bus nach Istanbul brachte, wo sie etwa einen Monat verbrachten. Ende 2013 führte ein Schlepper die Familie zur bulgarischen Grenze und zeigte ihnen eine alte Holzfällerroute durch den Wald - ein Weg in die EU.

Stacheldraht

Zu jener Zeit, als sich die Lage für Flüchtlinge in der Türkei zusehends verschlechterte, überquerten tausende Syrer und andere Asylsuchende denselben 30 Kilometer langen Landstrich. Das Gebiet nahe dem bulgarischen Grenzposten Lesowo ist hügelig und bewaldet, was eine Personensuche mit Wärmebildkameras schwierig macht.

Der Zustrom aber verebbte, als mehr als 1000 Polizeibeamte zur Bewachung der Grenze eingesetzt wurden. Im Juli 2014 ließ die Regierung dort außerdem einen Stacheldrahtzaun errichten. Innerhalb weniger Wochen wurde die Situation so schlimm, dass alle Zentren überfüllt waren, bis zu 20 Menschen schliefen in einem Raum.

Nachdem sie ihre Asylanträge gestellt hatten, wurden Ali und seine Familie in das Flüchtlingslager Harmanli überstellt, eine etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt gelegene, verlassene Kaserne, die man zur Entlastung der überfüllten anderen Lager hastig instand gesetzt hatte.

Da die Gebäude schmutzig, feucht und desolat waren, wurden die Flüchtlinge zunächst in Militärzelten und umfunktionierten Containern ohne Toiletten, Wasser oder Strom untergebracht."So lebten wir zwei Wochen", erzählte Ali und zeigte Fotos und Videos auf seinem Handy.

Da die Behörden völlig überfordert waren, sprangen einige bulgarische Bürger und Wohltätigkeitsorganisationen in die Bresche, stellten Nahrung und Kleidung zur Verfügung und versuchten, die Zustände in den Lagern zu verbessern. Die Ankunft der Flüchtlinge führte jedoch auch zu rassistischen Ressentiments.

Der Vorsitzende einer nationalistischen Partei rief zur "Säuberung der Stadt" und zu "Selbstverteidigungsaktionen" in Sofia auf. In einer Fernsehsendung beschuldigte die Abgeordnete einer orthodoxen christlichen Partei die Syrer, eine geheime islamistische Invasion zu planen.

Die Polizei berichtete im November 2013 von zunehmenden Übergriffen auf Menschen mit dunklerer Hautfarbe an öffentlichen Orten wie Busstationen oder Straßenbahnen. In Sofia attackierten zwei Männer einen 28-jährigen Bulgaren türkischer Volkszugehörigkeit auf dessen Heimweg von der Arbeit und schlugen ihn bewusstlos. Weitere schwere Übergriffe folgten.

Vorurteile gegen Flüchtlinge werden nicht nur in Teilen der bulgarischen Bevölkerung gehegt. Selbst die höchsten Ebenen der staatlichen Flüchtlingsbehörde des Landes sind nicht davor gefeit. Ihr Direktor Nikolai Tschirpanliew bezweifelt, dass Syrer die Wahrheit über die Zustände in den Lagern erzählten.

Chaos beseitigt

"Es ist allgemein bekannt, dass Araber ganz gerne lügen. Das ist Teil ihrer Kultur. So leben sie einfach", erklärte er. Diese Aussage ist bezeichnend für Tschirpanliews Direktheit. Der korpulente Ex-Militär dreht auch die Musik nicht leiser, wenn er Besucher in seinem großzügigen Büro empfängt. Lächelnd behauptet er, der Raum sei verwanzt.

Dennoch hat Tschirpanliew erreicht, wofür er vergangenes Jahr eingestellt wurde: das Chaos in den Lagern zu beseitigen.

Während seiner Amtszeit hat sich die Zahl der Behördenmitarbeiter verdoppelt, haben die Lager ihre Kapazitäten erhöht und wurden die Quartiere auf internationalen Standard gebracht. Und doch gibt es in Bulgarien kein Programm, das Flüchtlingen dabei hilft, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

"Um ehrlich zu sein ... alle Flüchtlinge lassen sich lieber in Westeuropa nieder und nicht in Bulgarien oder irgendwo auf dem Balkan", meinte Tschirpanliew. "Wir sind nur ein Transitraum."

Die staatliche Flüchtlingsbehörde stellt Aufenthaltsdokumente für drei bzw. fünf Jahre aus. Ali hatte Glück - ihm wurde eine Erlaubnis für fünf Jahre erteilt, die es ihm gestattet, innerhalb der EU ohne Visum zu reisen. Die Verordnungen der EU sollen Personen, die in einem EU-Land einen Antrag auf Asyl gestellt oder einen positiven Bescheid erhalten haben, davon abhalten, sich dann in einem anderen Land niederzulassen.

Menschen wie Ali, die in einem EU-Mitgliedsland Flüchtlingsstatus erhalten, sollen auch dort bleiben. Sie dürfen nicht erneut in einem anderen EU-Land um Asyl ansuchen. Ali entschloss sich aber trotzdem, nach Deutschland zu gehen und dort einen Asylantrag zu stellen.

Verunsichert durch die Medienberichte über Syrer, die man an der Grenze abwies, kaufte er sich kein Flugticket und auch keine Busfahrkarte. Stattdessen bezahlte er einen Schlepper - auf dem Frauenmarkt in Sofia.

Ali musste sich für diese Reise Geld von seinen Verwandten und Freunden ausborgen. Die Fahrt in einem alten roten Kleinbus, der acht Personen transportierte, dauerte 35 Stunden und kostete 235 Euro pro Person, inklusive etwas Schmiergeld an den rumänischen und ungarischen Grenzen, so Ali. Also zusammen rund 2000 Euro.

Die Najafs wurden nach der Erstaufnahme in Dortmund nach Eisenhüttenstadt im Osten Deutschlands gebracht. Zunächst hatte Ali vor auszusagen, dass seine Fingerabdrücke in Bulgarien erfasst worden waren, er aber nie irgendwelche Dokumente erhalten habe. Er überlegte es sich jedoch anders und beschloss zuzugeben, seine bulgarischen Papiere auf der Autobahn weggeworfen zu haben. Er hoffte, dass seine Geschichte über die Gefangennahme durch islamistische Kämpfer die deutschen Behörden dazu bewegen würde, ihm trotzdem Asyl zu gewähren. "Ich wollte ehrlich sein."

Aisha Hajjar und ihr Ehemann Farid, die aus der zerstörten syrischen Handelsstadt Aleppo gekommen waren, gaben an, ebenfalls ehrlich gewesen zu sein, es habe ihnen aber nicht geholfen.

Gemeinsam mit ihren drei Kindern, einem zwölfjährigen Buben, einem Mädchen im Teenageralter und einer Tochter Anfang zwanzig, kamen sie kurz vor Ali im Oktober 2013 über dieselbe Route nach Bulgarien.

Aisha und Farid reisten mit ihren beiden jüngeren Kindern im Februar nach Deutschland, ließen sich im selben Zentrum in Dortmund registrieren und wurden dann in die Kleinstadt Gelnhausen nahe Frankfurt geschickt. Besan, ihre 21-jährige Tochter, blieb zunächst in Sofia, da sie dort einen Job gefunden hatte, schloss sich aber im April ihrer Familie an.

Das Leben in Gelnhausen, einer malerischen Stadt mit schmucken, weiß getünchten Fachwerkhäusern, ist weitaus besser, als es in Bulgarien war, wo Asylsuchende während ihrer Zeit im Lager vom Staat pro Monat 65 Lewa (ca. 33 Euro) erhalten.

Zweizimmerwohnung

Von den deutschen Behörden wurde der Familie eine Zweizimmerwohnung in einem von Flüchtlingen bewohnten Haus zugewiesen. Der Staat kommt für die Miete auf und stellt ihnen insgesamt etwa 1100 Euro pro Monat zur Verfügung. Eine Pensionistin bot gratis Sprachkurse an.

Im Juni 2014 aber warf ein Brief vom deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Schatten auf ihr neues Leben. Der Asylantrag der Familie war aufgrund ihres bereits erfolgreichen Ansuchens in Bulgarien abgelehnt worden.

Auch die über 1000 Euro für den Anwalt halfen nicht; ein Gericht wies ihre Berufung gegen den Bescheid ab.

"Jetzt können sie uns jederzeit nach Bulgarien zurückschicken", sagte Aisha in der Küche ihrer Wohnung und spielte nervös mit ihren Fingern.

Tatsächlich werden nur wenige zurückgeschickt. Eine Lotterie. (Krasimir Yankov aus Sofia, Kazanlak, Dortmund und Gelnhausen/DER STANDARD, 17.1.2015)

Krasimir Yankov arbeitet für "Capital Weekly" in Sofia. Für diesen Text gewann er den dritten Preis der "Balkan Fellowship", einer Initiative von Erste Stiftung und Balkan Investigative Reporting Network (BIRN).

  • Ali ist ein kurdischer Student, den seine Englischkenntnisse zum Chef der Familie machten.
    fotos: krasimir yankov

    Ali ist ein kurdischer Student, den seine Englischkenntnisse zum Chef der Familie machten.

  • Aisha und Farid Hajjar sind tiefgläubige Syrer, die ebenfalls nicht zurückwollen.
    fotos: krasimir yankov

    Aisha und Farid Hajjar sind tiefgläubige Syrer, die ebenfalls nicht zurückwollen.

  • Nikolai Tschirpanliew ist Chef der bulgarischen Flüchtlingsbehörde. Er misstraut den Syrern, aber er hat deren Lage in den Quartieren verbessert.
    fotos: krasimir yankov

    Nikolai Tschirpanliew ist Chef der bulgarischen Flüchtlingsbehörde. Er misstraut den Syrern, aber er hat deren Lage in den Quartieren verbessert.

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