Vorarlberg setzt Schritte gegen Radikalisierung bei Jugendlichen

16. Jänner 2015, 15:20
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Land sucht nach Antworten auf Radikalisierungstendenzen, Politologe Schmidinger warnt vor Rassismus gegen Muslime

Bregenz – Was tun gegen Radikalisierungstendenzen bei (muslimischen) Jugendlichen? Die Vorarlberger Landesregierung sucht nach Antworten und richtet dazu zwei Plattformen zu den Themen Sicherheit und Prävention ein. Bis Mitte März sollen erste Maßnahmen vorliegen. "Bei uns wird die Radikalisierung nicht mehr nur als Sicherheitsthema gesehen, darüber bin ich sehr froh", sagt Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne). Sie zeichnet für die Plattform "Prävention" verantwortlich.

Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen sollen "nicht anlassbezogen, sondern mittel- und langfristig" Vorschläge zur Prävention erarbeiten. Ob es eine eigene Beratungsstelle für betroffene Jugendliche und deren Eltern geben wird, lässt Wiesflecker noch offen. "Dazu will ich die Plattform hören."

Beratung auch in Bundesländern

Ganz klar für eine Beratungseinrichtung sprach sich am Donnerstagabend Thomas Schmidinger aus. Der Politologe sprach auf Einladung der Stadt Bregenz über Jihadismus und Radikalisierung. Der Mitinitiator des Netzwerks sozialer Zusammenhalt, das in Wien radikalisierte Personen und deren Angehörige betreut, hält entsprechende Strukturen auch in Vorarlberg, Tirol, Niederösterreich, der Steiermark und Oberösterreich für notwendig. Denn seine NGO habe nicht die Mittel, die zahlreichen Anfragen aus den Bundesländern zu bearbeiten. Bei den politisch Verantwortlichen bestehe zwar großes Interesse an der Expertise seines Netzwerks, die Budgettöpfe seien aber leer, bedauert Schmidinger.

Zu wenig Geld für Deradikalisierung

Jugendliche kämen vor allem über (Musik-)Videos, das Internet, Straßenmissionare und Peer-Groups mit Jihadisten in Kontakt, sagt Schmidinger. Anfällig für diesen "Pop-Jihadismus" seien vor allem junge Menschen, die unserer Gesellschaft entfremdet wurden, die Anerkennung und Gemeinschaft suchen. Wesentlichste Präventionsmaßnahme sei, diesen Menschen einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben, sie nicht an den Rand zu drängen. Deradikalisierung und Vorbeugung bedürften aber der qualifizierten Betreuungs- und Informationsarbeit. Dafür müssten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Deradikalisiert müssten neben den Kriegsrückkehrern auch die Sympathisantinnen und Sympathisanten werden, rät der Politologe. Durch intensive Arbeit mit Bezugspersonen, aber auch durch qualifizierte theologische Gespräche. Schmidinger warnt vor rassistischen Übergriffen: "Jeder Angriff auf Muslime stärkt die Jihadisten." (Jutta Berger, DER STANDARD, 17.1.2015)

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