Kollegen haben "very important persons" mitgebracht

19. Jänner 2015, 05:30
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Burgschauspieler Walter Gerhardt lebt seit 75 Jahren in seiner Altbauwohnung in Hietzing

Walter Gerhardt hat unter fünf Direktoren am Burgtheater gearbeitet. Sein Rückzugsort war und ist seine Wohnung in Hietzing, in der er schon seit 75 Jahren lebt. Margarete Affenzeller hat ihn besucht.

"In diese Wohnung hier in Alt-Hietzing, in der ich seit bald 75 Jahren lebe, bin ich 1940 als Zwölfjähriger gekommen. Prägende Eindrücke früher Kindertage aber habe ich schon aus meinem ersten Zuhause mitgebracht, einer kleinen Wohnung nahe der Inneren Stadt, aus der mich mein älterer Bruder statt in den Park ins Historische Museum oder in die vier Stockwerke tiefen Gewölbe des Hauses zu fantastischen Spielen mit Licht und Feuer mitgenommen hat. Später dann, während der Zeit im Hietzinger Gymnasium, ist das unvergleichliche Spiel mit historischen Zinnfiguren dazugekommen, und zwei- oder dreimal pro Woche war ich in der Oper. Aber diese Herrlichkeit hatte ein jähes Ende, als ich, kaum 15-jährig, als Flakhelfer zur Wehrmacht eingezogen wurde.

foto: lisi specht
In Walter Gerhardts Wohnung war einst das "Reformpapier" des Burgtheaters geschrieben worden, das auch Schauspieler wie Attila Hörbiger oder Fred Liewehr mitunterzeichnet haben. (Bildansicht durch Klick vergrößern.)

Der Krieg hatte bisher die Wohnung verschont. Weniger die Familie. Ich hatte Glück, aber mein Bruder ist nie mehr zurückgekommen. Unsere Wohnung haben wir anfangs gern mit Flüchtlingen, später zwangsweise mit recht unangenehmen Untermietern geteilt, die uns Ungeziefer als Andenken hinterlassen haben, das ich nach monatelanger "Handarbeit" erst wieder entfernen konnte.

Nach dem Krieg habe ich Matura gemacht und auf der Universität Geschichte belegt. Aber bald überwog das Interesse für Theater, und ich wechselte an das Reinhardt-Seminar. Nach einigen Jahren an Kellerbühnen und Provinztheatern habe ich ein Angebot vom Burgtheater erhalten und bin dort 25 Jahre geblieben.

Das wichtigste Ereignis meines Lebens habe ich bisher übersprungen: Bei einer Aufführung der Salzburger Festspiele kam ich zufällig ins Gespräch mit einer jungen Frau. 1968 haben wir geheiratet und 42 Jahre ungetrübten Glücks miteinander geteilt.

Sie war nicht nur eine schöne Frau, sondern auch eine wundervolle Gastgeberin, und unsere Einladungen hatten bald besonderen Klang. Um nur einige wenige (vielleicht noch bekannte) Namen zu nennen, erwähne ich den Forensiker Norbert Wölkart und Harald Leupold-Löwenthal, den Präsidenten der Sigmund-Freud-Gesellschaft. Und aus dem Theater den Kostümbildner Leo Bei und vor allem den großen Regisseur Leopold Lindtberg, den Freund nennen zu dürfen die höchste Ehre meines Lebens war. Und manchmal haben Kollegen "very important persons" mitgebracht, so Jean-Paul Roussillon von der Comédie Française oder Roberto Guicciardini, dem das Burgtheater eine der zauberhaftesten Inszenierungen und meine Frau und ich eine unvergessliche Gegeneinladung in sein Schlösschen in San Gimignano zu verdanken haben.

Nicht nur gefeiert wurde in diesen Räumen. Hier hat sich oft Nacht für Nacht ein Kreis junger Kollegen eingefunden, der darüber diskutierte, wie das Burgtheater den damals (um 1969-1971) sich häufenden Angriffen aus Politik und Presse entgegentreten könne. Hier wurde das sogenannte "Reformpapier" des Burgtheaters geschrieben, für das auch einige der "großen Alten" wie Attila Hörbiger und Fred Liewehr ihre Namen hergegeben haben.

Auch der damalige Unterrichtsminister Leopold Gratz hatte Interesse an unserem Tun und offenbar auch Spaß, denn er hat uns nicht nur zu dienstlich informativen Gesprächen, sondern auch zu exquisiten Heurigenabenden eingeladen. Eine Gegeneinladung war fällig. Meine Frau hat für zwölf Personen vierzig Stunden gekocht. Menükarten und Dankschreiben habe ich aufgehoben.

Am Ende stehen jetzt Krankheit, Resignation und der Tod meiner geliebten Frau. Seither lebe ich hier allein mit vielen Büchern, grafischen Blättern sowie einigen Gemälden Alter Meister." (DER STANDARD, 17.1.2015)

Walter Gerhardt wurde 1928 in Wien geboren und wuchs mit drei Geschwistern und einer Cousine zunächst in der Josefstadt, danach in Hietzing auf. Er studierte am Max-Reinhardt-Seminar und schloss die Ausbildung 1953 mit den Diplomen in Regie, Schauspiel und Bühnengestaltung ab. Ab 1955 arbeitete er in vorwiegend organisatorischen Funktionen und unter fünf Direktoren am Burgtheater, als Persönlicher Referent von Adolf Rott, als Regieassistent und Regisseur bei Ernst Haeusserman, später und bis zur Pensionierung 1982 als Produktionsleiter und Chef des Künstlerischen Betriebsbüros.

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