Joachim Eckl: Versuch über die "Schöpfung"

16. Jänner 2015, 17:06
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Abseits aktueller Religionsdiskussionen veranlasst der Künstler Joachim Eckl Menschen, ihre Positionen in Bezug auf Natur, antike Gottheiten und Spiritualität, oszillierend zwischen Raum und Zeit, zu hinterfragen. Im Zentrum das lebenswichtige Element Wasser

Seit Menschengedenken ist es das Elixier des Lebens, dient zum Trinken, Baden, Waschen, zum Kochen, ist wesentlicher Bestandteil religiöser Riten: Wasser. Eingedenk der mythischen Bedeutungen und des realen Verlustes für ein Gros der Weltbevölkerung lädt der Künstler Joachim Eckl Menschen ein, im Kollektiv die mystische Symbiose von Kultur, Natur und Gottheiten im Sinne "sozialer Skulpturen" zu formen. Zeitgleich an der Donau, im Mühltal und in Ägypten am Nil.

Aber gehen wir zunächst einen Schritt zurück. Kennen Sie das ägyptische Sonnenreich an den Gestaden des Mühltals? Die antike Mumienkolonie im Mühlviertel? Was bedeutet das goldene Vlies von Neufelden? Wissen Sie um die Bedeutung - respektive die mystische Deutung - der erratischen Hieroglyphen an den weiß getünchten Wänden und Böden der sonnendurchfluteten Gänge des pyramidal gestalteten alten Speichers? Die archaischen Papyri mit Zeichnungen von fragilen Dschunken, die die letzte Reise eines Verstorbenen von der einen zur anderen Welt darstellen? Die kreisrunden Symbole am Turm? Die Sonnenuhren im Atrium des Schlafraums? Den Raum der ruhenden Uhren? Den Kasten voller tickender, rasselnder Wecker? Das goldene Fährschiff, gestrandet an den Klippen des zum Bächlein versandeten Flussbetts der Großen Mühl, die das oberösterreichische Mühlviertel durchschneidet wie einst der Nil die ägyptische Götterwelt, sollte eigentlich zum Innehalten, zum Nachdenken anregen, sollte misstrauisch machen. Ebenso im Morast versunkene Eisenbahnwagons. Aber halt.

Voreilig sollte man keine Schlüsse ziehen ob der vorsätzlichen Referenz auf die Mythen der Antike. Isis und Osiris scheinen sich bisweilen im Wasser des vor sich hin mäandernden Flusses zu spiegeln, den Sonnengöttern Re und Atum huldigend. Schließlich befinden sich bronzefarbene und gülden glänzende Münzen im Estrich. Geld, die Götter gnädig zu stimmen? Um immer bereit zu sein, die Reise in die Unterwelt anzutreten, ohne Finsternis?

Mystische Spiritualität

Verantwortlich für diese Irritation, diese irisierende Fata Morgana, diese Phantasmagorie ist Joachim Eckl, der jedes Individuum mit der Metaphysik des Seins konfrontiert. Der 1962 in Haslach an der Großen Mühl Geborene lebt nach langen Reisen wieder im Mühlviertel. Bedeutsam wurde die Beziehung zu hiesigen Besonderheiten 1989, nach einem Studienaufenthalt in New York. In Form der Erkenntnis, dass die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts Fortschritt, aber auch ein Übermaß an Achtlosigkeit mit sich gebracht haben. Sein Engagement speist sich aus der Überzeugung, dass die Zeit gekommen ist, Fluss, und Region etwas zurückzugeben.

Eckls Vorfahren haben über Generationen Kraft und Energie aus der Großen Mühl gewonnen. Zuerst, um Getreide zu mahlen, 1902 errichtete der Urgroßvater das erste Wasserkraftwerk, um "Licht in den Ort zu bringen". Die "Station Neufelden", ein ehemaliges Silo, betreibt Eckl seit über zehn Jahren als Kunst-Station. Seine Arbeit basiert auf einem erweiterten Kunstverständnis, inspiriert von Beuys' Begriff einer "sozialen Skulptur". Eckl erzeugt durch das Kreieren gemeinsamer Erfahrungen aktiv Impulse für "soziale Skulpturen". Wasser versteht und nützt der "Sozial-Ingenieur" als Grundelement menschlicher Interaktion.

Wesentliche Komponente ist das diffizile Verhältnis von Natur und Mensch. Mit Arbeiten wie Schöpfung, Fluss-Bett-Schlafen, River to River, Großer Wagen oder Landeplatz für Angekommene realisierte er Projekte in Österreich, Tschechien, Deutschland, England, Ägypten, Sambia und Simbabwe, fusionierte Traditionen, Ratio und Spiritualität.

"Das gemeinsame Wirken und die Erfahrung, dass die eigentliche Kraft unseres Handelns von innen kommt, habe ich durch diese Aktion bestätigt gefunden. Vor allem aber konnte ich erfahren, dass die Menschen in Ägypten weit stärker als wir auf Gefühle und Empfindungen setzen. Von ihren Handlungen geht magische Kraft aus."

Es ist eine mystische Reise, betritt man Eckls Refugium. Gelegen in Nachbarschaft und im Dialog mit dem pittoresken, von der Familie Eckl/Rachinger geführten "Mühltalhof" mit seinen traditionell-regionalen Spezereien, einer Symbiose von Urigkeit und Komfort, Gastfreundschaft und Modernität. Mit Eckls Station betritt man eine ganz eigene Welt. Eine Welt der Transformation, der Inspiration, der kontemplativen Ruhe, ohne in Lethargie verfallen zu können. Entdecken und Hinterfragen, Denken und Reflektieren.

Verbindung der Kulturen

Verwurzeltes im Wechselspiel mit Zeit, Natur, Endlichkeit und Unendlichkeit. Als Frage, nicht als These. Mit internationalen Künstlern wie Jeff Koons, Christo & Jeanne-Claude, Anthony Cragg, Vito Acconci, Per Kirkeby et alii verwirklichte er über 100 Projekte. Sie zeugen von seiner Beschäftigung mit Sinnlichem, Übersinnlichem, Mystizismus und Antike. Wer weiß? Vielleicht münden dereinst Mühl und Donau ins Nildelta, vielleicht fährt ein Schiff in die Sonne. Isis und Osiris vereinend, Götter der Unterwelt überlistend.

Verantwortung und Glaube

In einem als Reaktion auf diese Visionen sowie seine international vernetzten Interventionen und Installationen formulierten "Glaubensbekenntnis" appelliert Eckl positiv an individuelle und gesellschaftliche Verantwortung; Globalisierungskritik übersteigend.

Im Glauben "an den Menschen" und dessen "Aufgabe, zu wachsen" und sich zu "wandeln" im "Sinne der Metamorphose", der Entwicklung und Veränderung durch "innere Wege und Bewegung", fordert Eckl Respekt vor der Natur, vor Ressourcen, vor Kreativität sowie vor Kräften, deren Existenz nicht immer beweisbar ist. Er "glaubt an die Menschen (...), die Gestaltungsfähigkeit des Menschen (...), an die Kunst (...), an die Menschheit". Termini wie Inspiration, Begeisterung, Kraft und Energie versammelt er in seinem Credo. Ob man es Natur, Gottheit, kosmische Kraft oder spirituelle Erfahrung nennt, bleibt offen. Fest steht aber sein Glaube an den Menschen mit der Fähigkeit, zu denken und zu handeln, an die Lernfähigkeit und die Lernwilligkeit des Menschen. Mit Empathie und Leidenschaft. Vor allem aber an die Fähigkeit der Reflexion und der Selbstreflexion.

Dass das absolut ernst gemeint ist, steht außer Zweifel. In etlichen Sequenzen aber blinzelt Ironie und die sinnlich-feine Klinge intellektueller Diskussionskultur. Das spiegelt sich nicht nur in den wortwörtlichen Umsetzungen seiner Aktionen, seinen Sprachspielen, Fragen und Antworten wider, sondern auch im Konterkarieren derselben. Im Hinterfragen von Zeit und Raum, im Fusionieren diverser Kulturen und spirituellen, religiös interpretierbaren Philosophien. Fest steht sein Vertrauen auf Inspiration, Intuition, Emotion sowie auf Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man muss sich nur einlassen, schließt Eckl, auf den Fluss und "den Wind hören, der uns unsere Bestimmung zuflüstert! Hört hin ..." (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 17./18.1.2015)

Dieses leicht gekürzte und modifizierte Porträt stammt aus Gregor Auenhammers Buch "Wien Texas. Von Österreichern, die in die Ferne gingen, um ihrer Heimat verbunden zu bleiben" (€ 19,90, Metro-Verlag). Joachim Eckl lädt derzeit im Rahmen der Ausstellung "Reines Wasser" im Linzer Lentos-Museum zur 60-Tage-Schöpfung.

www.lentos.at

www.heimart.at

  • Kunst im öffentlichen Raum: im Zentrum eines "sozialen Aquarells" das lebenspendende Element Wasser. Joachim Eckl lädt Menschen ein, die "Schöpfung" sowohl wortwörtlich als auch spirituell zu erfahren - zeitgleich an den Gestaden der Donau, ...
    foto: heim.art®

    Kunst im öffentlichen Raum: im Zentrum eines "sozialen Aquarells" das lebenspendende Element Wasser. Joachim Eckl lädt Menschen ein, die "Schöpfung" sowohl wortwörtlich als auch spirituell zu erfahren - zeitgleich an den Gestaden der Donau, ...

  • ... beim Linzer Lentos-Museum ...
    foto: heim.art®

    ... beim Linzer Lentos-Museum ...

  • ... und am Nil in Ägypten.
    foto: heim.art®

    ... und am Nil in Ägypten.

  • "Sozial-Ingenieur" Eckl vor den vollen Containern der Schöpfung.
    foto: heim.art®

    "Sozial-Ingenieur" Eckl vor den vollen Containern der Schöpfung.

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