Claude Simon: Marcel, der Fisch und ich

16. Jänner 2015, 17:13
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Simons Vorträge zur Literatur erinnern an den Ernst der dichterischen Moderne

Dieses Buch kommt zur rechten Zeit. Dabei ist sein Urheber knapp zehn Jahre tot. Denn der 1913 geborene und 2005 verstorbene französische Romancier Claude Simon erinnert in vier essayistischen Vorträgen an die Ur- und Basisvoraussetzung einer jeden Literatur von höchstem Rang - Sprachkunstwerk zu sein.

Und das macht er mit analytischer Strenge und fulminantem Gestus. Angesichts der Vielzahl multipel in sich verschachtelter Sätze will man sich erst gar nicht die Lage vor Augen führen, in denen sich seine Zuhörer befunden haben müssen. Die Fülle an Anspielungen und an eingeflochtenen Ausführungen über bildende Kunst von Giotto bis Cézanne einerseits, über Musik und Kunstphilosophie anderseits dürfte nicht nur akustisch so manchen, vielmehr wohl jeden seiner Zuhörer restlos überfordert zurückgelassen haben.

Vier Reden aus den Jahren 1980 bis 1993, wobei die älteste, die als Namensgeber der deutschen Ausgabe dient, auf Vorarbeiten in den frühen 1970er-Jahren zurückgeht: eine Flaschenpost. Erst 2012 erschienen sie in Frankreich in Buchform. Im Jahr darauf wurde der Literaturnobelpreisträger von 1985 in seiner Heimat endgültig in den Parnass der Unsterblichen aufgenommen, seine Romane erschienen in der Bibliothèque de la Pleïade.

Worauf nimmt Simon, in zwei eindrücklichen Porträtfotografien auf Vorder- wie Rückseite des schönen Berenberg-Bandes zu sehen, Bezug, worüber redet er, womit setzt er sich auseinander? Natürlich mit dem eigenen Schreiben. Mit Marcel Proust, dem Beschreibungs-Vorbild. Mit der Revolution der Literaturmoderne. Doch es ist kein planer Werkstattbericht. Simon bietet vielmehr in diesen von ihm als Causerien, als Plaudereien bezeichneten Texten stupende Ausführungen zu Roman und Gedächtnis, zum Erzählen und Wort-Finden, zu Beschreibung als Ereignis.

Traumscharfe Konstruktion

In seinem alles durchdringenden Ernst, in seinem Ringen um das "mot juste", das einzig passende Wort, in seiner alle Kräfte aktivierenden Exaktheit der Weltbeschreibung liegt die Sprengkraft dieser Gedanken. Weil Claude Simon nichts mit einem leichtsinnigen Achselzucken als ironischer Entertainer abtut. Weil seine Ausführungen im Insistieren auf Musikalität und dem eindeutigen Willen zu traumscharfer Konstruktion das größtmöglich vorstellbare Gegenteil darstellen zum heutzutage allseits hochgehaltenen Pseudorealismus eines strikt diesseitigen, aktions- oder dialoggetriebenen Erzählens.

Somit zu der die Programme seriöser Verlage überwuchernden Kriminalliteratur, deren Moral selbst bei amoralischen Handlungen am Ende eine hohle, weil bestätigende ist. Was Claude Simon in großer Klarheit nachweist. Das heißt nicht im Umkehrschluss: Sein Vorgehen ist ein langweiliges. Im Gegenteil. Die Sprengkraft seiner Prosa, oszillierend zwischen dem Erinnern der Vergangenheit und dem Aufschreiben der Erinnerung in der Gegenwart, ist viel akuter. Weil Sinne erschütternd. Ein großes Lob ist der Übersetzerin Eva Moldenhauer zu zollen, die Simons labyrinthische Sätze großartig ins Deutsche übertragen hat. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 17./18.1.2015)

Claude Simon, "Der Fisch als Kathedrale. Vier Vorträge." € 20,60 / 112 Seiten. Berenberg-Verlag, Berlin 2014

  • Artikelbild
    foto: berenberg verlag
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