Der Sexappeal der Einzelstudie

16. Jänner 2015, 14:09
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Nicht immer sind Einzelstudien aussagekräftig. Erst recht nicht in der Medizin, wo sie einander oft widersprechen

Die Bewertung der Einzelstudie ist das tägliche Brot des Medizinjournalismus. Die Studie wird kostenlos geliefert, häufig von der PR-Stelle der Forschungsorganisation vorgekaut und in der Hoffnung auf Fördergelder und Berühmtheit haben die Autoren sicher schon hineingeschrieben, warum sie so unglaublich bedeutend ist. Wenn dann noch das Thema stimmt - Sex bietet sich hier an - schafft die Studie den Durchmarsch in die Tagesmedien. Ganz egal, ob sie gut gemacht, neu oder relevant ist und bessere Studien etwas anderes aussagen.

Studie: Ungesunder BH

Da wurde etwa 2013 in aller Welt über eine Studie berichtet, der zufolge der BH für seine Trägerinnen ungesund sei. Angeblich werde das Gewebe bei ständigem Tragen "ausgeleiert". Ob das medizinisch tatsächlich ein Problem ist, wurde nicht weiter ausgeführt. Forscher hatten angeblich die Brüste von über 300 Frauen untersucht - diese Vorstellung allein reichte offensichtlich, um eine Studie berühmt zu machen. Kleiner Haken: Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Studie, sondern nur ein Interview des Forschers im Radiosender der französischen Universität.

Für Wissenschafter ist der Hype um Einzelstudien frustrierend und für das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit vernichtend, denn die Ergebnisse neuer Einzelstudien sind meistens falsch oder zumindest noch nicht gut einzuordnen. Erst wenn die einzelnen Arbeiten von anderen überprüft werden und Ergebnisse vieler Studien zusammengefasst werden können, entwickelt sich so etwas wie Erkenntnis. Besonders im Bereich der Medizin verunsichern sich widersprechende Studien. Der Eindruck entsteht, dass nicht nur zwei Ärzte grundsätzlich zwei Meinungen haben, sondern die ganze Forschung keine klaren Ergebnisse liefern kann.

Keine Berichterstattung mehr

Steven Pinker, Forscher in Harvard, ist von diesem Zustand mittlerweile so genervt, dass er die Forderung aufstellte, Journalisten sollten über Einzelstudien überhaupt nicht mehr berichten. So verständlich der Wunsch nach Aufmerksamkeit von miserablen Studien auch sein mag, ist das natürlich keine gute Idee. Wissenschaft ist immer ein Prozess.

Es gibt kein Endergebnis, sondern nur immer bessere Zwischenergebnisse - und natürlich kann und soll man über jeden dieser Schritte berichten. In seinem Blog führt der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer genauer aus, warum die Forderung von Pinker keine gute Idee ist.

Aber was dann? Aufgabe der evidenzbasierten Medizin ist unter anderem, das beste verfügbare Wissen greifbar zu machen. Dafür werden alle Studien zu einem Thema zusammengetragen, in ihrer Qualität bewertet und gewichtet und, sofern möglich, auch statistisch zusammengefasst.

Ein bisschen etwas davon wäre auch wünschenswert, wann immer über Einzelstudien gesprochen wird: Eine kurze Qualitätsanalyse der Methode und eine Einordnung der Studie: Gibt es andere Studien und was ist deren Ergebnis? Die eine oder andere Aussage wird wahrscheinlich entzaubert, aber korrekte Information hat ja auch einen gewissen Sexappeal. (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 16.1.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt ab sofort auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Ist das Tragen von BHs ungesund für das Gewebe? Ja, war in Medien auf der ganzen Welt zu lesen. Da war die dazugehörige Studie aber noch nicht einmal veröffentlicht.
    foto: apa/dpa/frank mächler

    Ist das Tragen von BHs ungesund für das Gewebe? Ja, war in Medien auf der ganzen Welt zu lesen. Da war die dazugehörige Studie aber noch nicht einmal veröffentlicht.

  • Gerald Gartlehner, EbM-Experte von der Donau-Uni Krems: Nicht alles, was Müttern nahegelegt wird, ist nachweislich das Beste.
    foto:georg h. jeitler / donau-universität krems

    Gerald Gartlehner, EbM-Experte von der Donau-Uni Krems: Nicht alles, was Müttern nahegelegt wird, ist nachweislich das Beste.

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