Autorin Ela Angerer: Können wir uns noch begegnen?

16. Jänner 2015, 17:07
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Eine ganze Unterhaltungsindustrie setzt auf die Wunder der Liebe. Aber was ist, wenn die Geschichten hinter diesen Meldungen ausbleiben, weil wir es verlernt haben, zu erzählen, zu fragen und zuzuhören?

Gestern Abend gehe ich mit einer Freundin aus. Wir sitzen in meinem Stammbeisl, und irgendwann fragt mich einer der Herren in unserer Runde mit Blick auf meine Begleitung: "Glaubst du, sie würde mit mir schlafen?" Diese Direktheit ist einerseits mutig. Und wahrscheinlich ehrlicher als irgendein schleimiges, an das Objekt der Begierde gewandtes lass uns doch mal essen gehen oder ich hätte da zu Hause einen Film zu dem Thema, den du dir unbedingt ansehen solltest. Andererseits. Teilen wir nicht alle, die wir uns hier an diesem Tisch versammeln - egal ob Single, in wechselnden Beziehungen, verheiratet oder fix liiert - seit Jahren immer wieder auch unsere Einsamkeit und innere Not?

Deshalb frage ich mich bei aller Fortschrittlichkeit: Was ist aus dem guten alten Weg von A nach B geworden? Ich glaube nämlich nicht, dass es uns so viel um Sex geht, wie die Medien oder auch wir selbst uns gerne vormachen. Den Weg, den ich meine, das sind jene entscheidenden Meter zwischen Fremdheit und dem Augenblick, in dem mich mein Gegenüber berührt. Ja, es klingt geradezu anachronistisch: Jemand berührt mich, im übertragenen Sinn und unter Umständen auch im ganz buchstäblichen. Aber hallo. Das wäre doch eigentlich, rein theoretisch, die schönste Sache der Welt.

Erkannt zu werden

Ich spreche von Liebe im weitesten Sinn, also von der rein freundschaftlichen bis zur erotischen Offenbarung. Zwischen Abgabeterminen, Facebook und Mail-Verkehr vergisst man das alles ja immer wieder ganz schnell: Von einem anderen erkannt zu werden bleibt unser innerster Wunsch. Ich sehe dich. Nicht als meine Projektionsfläche, sondern so, wie du bist. Vielleicht nur gerade jetzt, vielleicht in dieser Nacht oder immer wieder. Wer weiß das schon?

Geht er gerne in Flüssen baden? Erinnert er sich nach dem Aufwachen an seine Träume? Beruhigt sich sein Puls im Wald? Mag sie Süßweine, Stille, die ersten Schneeflocken auf ihrer Haut? -- Wollen wir solche Dinge überhaupt noch wissen?

Kino, Musik, Bücher. Eine ganze Unterhaltungsindustrie setzt auf die Wunder der Liebe. Aber was ist, wenn die Geschichten hinter diesen Meldungen irgendwann ausbleiben, weil wir es verlernt haben, zu erzählen, zu fragen und vor allem zuzuhören?

"Schau, 140 Männer in meiner Umgebung interessieren sich gerade für mich", zieht mich eine Bekannte am Nebentisch stolz ins Vertrauen. "Aber zu wissen, wie viele Möglichkeiten ich da draußen habe, reicht mir dann meistens eh schon." Wir erinnern uns: Tinder ist die junge, hippe Schwester von Online-Portalen wie OkCupid, love.at oder Parship. Die App, wo Fotos von Menschen aufploppen und du nur mehr mit Ja oder Nein reagieren musst. Kai neben uns lächelt. Er ist homosexuell und kennt diese pragmatische Art der Freunde- und Partnersuche schon lange von Grindr. "Das sind für mich reine Ego-Booster", sagt er. "Zu etwas Echtem führen die nicht." Aber warum eigentlich nicht?

Mir fällt dieser aufrüttelnde Youtube-Clip des Londoner Schriftstellers Gary Turk ein, in dem er sagt: "Ich habe 422 Freunde und bin trotzdem allein. Jeden Tag spreche ich mit ihnen, aber niemand kennt mich wirklich."

Hungrig zurückbleiben

Ich glaube trotzdem nicht, dass es die Technik ist, die uns daran hindert, mit jemandem in Beziehung zu treten. "Nicht alles ist schlecht" , sagt auch mein Freund Jürgen aus Tokio, der auf Kurzbesuch in Wien und gerade zur Tür hereingekommen ist. "Ich habe euch seit Jahren nicht gesehen, trotzdem weiß ich, dass du ein Buch gemacht hast und du einen Film." Die magische Formel bleibt: Orte, Dinge und Augenblicke müssen beseelt werden, damit sie sich ereignen. Mit der schnellen Liebe ist es wie mit dem Fast Food. Man kann noch so viel davon in sich hineinstopfen und bleibt doch hungrig zurück.

Du gehst mir auf die Nerven, also schaue ich mich mal im Netz nach Alternativen um. Silvester kommt, da würde man doch gern mit jemandem ... also schaue ich mich im Fitnesscenter, auf ein paar Weihnachtsfeiern oder eben im Netz nach Möglichkeiten um. Ja, wir haben so viele Möglichkeiten. Und doch. Der Kapitalismus mit seiner absoluten Warenverfügbarkeit tut unserer Liebe nicht gut. Liebe ist kälter als das Kapital, heißt es bei René Pollesch, und so polemisch und komisch dieser Grundsatz in seinen Theaterstücken auch verhandelt wird, so bleibt doch immer ein allzu bekannter Phantomschmerz zurück.

Hier in diesem Wiener Beisl ist die Nacht nicht mehr ganz so jung. Jürgen stellt mir einen extrem gut aussehenden Freund vor, der vergangenes Jahr vier Monate im Gefängnis war. Interessante Auszeit, denke ich und frage, wie das für ihn dort so gewesen sei. "Die ersten Tage in Einzelhaft, da drehst du durch. Kein Handy, kein Internet, kein Radio, kein Fernseher. Glaube mir, der Mensch ist heute nicht mehr so gebaut, dass er ohne diesen ständigen Informationsfluss auskommen kann." Wohl deshalb erzählt er von seinem Zellengenossen mit einer Zärtlichkeit, die ich bei seinen späteren Frauengeschichten vermisse.

Risiken eingehen

Es ist aus der Mode gekommen, aus Leidenschaft Brücken niederzubrennen. Den Ego-Trip von Goethes Werther können wir gerade noch nachvollziehen. Ich glaube trotzdem, dass Anna Karenina besser dran war als Mrs. Dalloway. Wer sich selbst kennenlernen will, wer sich spüren will, muss Risiken eingehen.

Unser Abend neigt sich dem Ende zu. Was passiert, frage ich mich, wenn die ganze Party irgendwann vorbei ist? Die Leute sind immer wieder entrüstet, wenn jemand stirbt. Dabei ist der Tod das Einzige, auf das wir eine Garantie haben. Vielleicht haben wir uns und die anderen ja gar nicht so lange, wie wir das gerne glauben wollen?

Ich sehe dich. Ich erkenne, wer du bist. Vielleicht nur gerade jetzt, vielleicht in dieser Nacht oder immer wieder. (Ela Angerer, Album, DER STANDARD, 17./18.1.2015)

Ela Angerer, geb. 1964 in Wien, arbeitet als Schriftstellerin, freie Autorin und Fotografin. Vor kurzem ist ihr Roman "Bis ich 21 war" (Deuticke) erschienen.

  • "Die ersten Tage in Einzelhaft, da drehst du durch. Kein Handy, kein Internet, kein Radio, kein Fernseher. Glaube mir, der Mensch ist heute nicht mehr so gebaut, dass er ohne diesen ständigen Informationsfluss auskommen kann."
    foto: heribert corn

    "Die ersten Tage in Einzelhaft, da drehst du durch. Kein Handy, kein Internet, kein Radio, kein Fernseher. Glaube mir, der Mensch ist heute nicht mehr so gebaut, dass er ohne diesen ständigen Informationsfluss auskommen kann."

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