Wenn man nichts zu sagen hat

Blog15. Jänner 2015, 17:57
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Conference Finals der NFL: New England ist nicht ganz so tot, wie der Autor das mal vermutet hat und Seattle jetzt dort, wo es hin wollte. Indianapolis und Green Bay sind am Sonntag nur Außenseiter

Was schrieb ich Anfang Oktober über die Patriots? »Es ist nichts da in New England, womit man arbeiten könnte. Die Offensive Line ist eine der schwächeren der Liga, die Schlüsselspieler, bis auf den weiterhin angeschlagenen Rob Gronkowski, mit vielleicht der Ausnahme Julian Edelman, nichtmal erwähnenswert. Das System Belichick mit seinem Überbringer Brady scheint langsam am Ende seiner Lauffähigkeit anzukommen.«

Seither schwieg ich (hier), u.a. auch weil mir danach das Maul gestopft wurde. In den vergangenen drei Monaten hat New England nämlich gerade noch ein Spiel verloren, welches sie gewinnen wollten – in Green Bay setzte es eine knappe Niederlage. Ansonsten schlug man in der Woche nach dem Debakel schon gegen Cincinnati zu. Es folgten Siege gegen hilflose Divisionsgegner, über ein außerordentlich neben sich stehendes Chicago, aber auch spätere Playoff-Teams wie Denver, Indianapolis und Detroit gehörten zu denen, die New England am Weg zur Nummer 1 der AFC von der Fahrbahn schubste. Die letzte Niederlage gegen Buffalo kam in der Garbage Time der Regular Season und fettet lediglich die ansonsten katastrophale Bills Statistik gegen New England auf.

Es hätte für mich aber durchaus noch schlimmer kommen können. Ich könnte der Mann sein, der Bill Belichick fragte, wann er Brady denn nun endlich auf die Bank setzen will. Und immerhin fiel mir noch ein: »Ein ausgeprägtes 1 & Done Wunder, dieses Cincinnati.« Wenigstens irgendwas hat er erraten! Gut, das war zugegeben nicht so schwer, denn auf die Bengals ist einfach seit den 90er-Jahren Verlass.

Ich gebe zu, ich glaubte das damals wirklich. Dass die Patriots ein veritables Personalproblem haben, welches Belichick heuer nicht mehr lösen kann. Das war ein gewaltiger Irrtum. Einziger Trost ist, dass er mir nicht alleine unterlief.

Im Divisional Playoff lauerte noch eine kleine Chance der etwas späten Rechthaberei, immerhin kam mit Baltimore so etwas wie ein Angstgegner nach Foxborough. Aber auch daraus wurde nichts. Die Ravens spielten ihre Rolle zwar gut, führten zwei Mal mit zwei Scores, doch am Ende kam New England, wie zum Hohn und zum ersten Mal in der modernen Geschichte der NFL, gleich zwei Mal von einem 2-Score-Defizit im Playoff zurück, um händereibende Lügner mit der Höchststrafe zu belegen.

Wachablöse in Denver

Im zweiten Divisional der AFC passierte das, was man als Fan von Peyton Manning fast schon befürchten musste. Im Vorjahr ging es mit der Form des 38-jährigen Quarterbacks erst in den Playoffs bergab - mit dem negativen Höhepunkt in Superbowl 48 - heuer passierte das bereits deutlich früher. Probleme mit seinem Cyber-Nacken, eine winterliche Grippe und eine erst nach der Niederlage gegen Indianapolis publik gewordene Verletzung des Quadrizeps machten aus Denver ein Team, welches auf sein Passspiel als Stärke nicht mehr setzen konnte. Der Runningback aus dem Nichts, Undrafted Free Agent C.J. Anderson, entlastete Manning brav, am Ende war das in Summe gegen die Colts aber weit zu wenig. Mannings Nachfolger in Indianapolis, Andrew Luck, läutete die Wachablöse in Denver ein, denn nach dem vorzeitigen Ausscheiden trennten sich die Broncos von Head Coach John Fox und seinem Coaching Staff. Das ist insofern bemerkenswert, da Fox und sein Trainerstab in ihrer Funktionsperiode (2011-2014) die drittbeste Bilanz aller NFL-Teams hinter New England und Green Bay aufweisen. Für Denvers CEO John Elway ist sehr gut aber nicht gut genug, vor allem die Playoffbilanz von 3-4 ist dem zweifachen Superbowl Champion offenbar ein zu großer Dorn im Auge.

Welche Auswirkungen dieser Umbruch auf die weitere Karriere von Peyton Manning haben wird, sofern es diese überhaupt noch gibt, ist derzeit völlig offen. Ob er sich in Denver einen neuen Coaching Staff antut, bzw. der sich einen Peyton Manning antut? Ich glaube es fast nicht. Eine dritte Karrierestation? Auch das scheint weit her geholt. Mein Gefühl geht in Richtung Abschied. Es wäre ein sehr trauriger, denn irgendwie fehlt da was.

Im AFC Conference Final empfängt nun New England Indianapolis und ist in diesem der klare Favorit. Das ist auch schon die größte Gefahr für die Patriots, die sich im Grunddurchgang auswärts mit 42:20 klar durchsetzen konnten. Indianapolis hat so etwas wie ein Ersatzlaufspiel entwickelt, mit kurzen Pässen auf ihre Runningbacks und Tight Ends. Ein offensiver Plan, dem man durchaus defensiv einiges entgegen setzen kann, wobei man stets ein Auge auf die lauernde Gefahr in der Tiefe haben muss, T.Y. Hilton fängt Bälle die unmöglich erscheinen, lässt mögliche dann aber auch gerne mal fallen. Hakeem Nicks, der im Divisional Playoff einen Touchdown fing, braucht einen neuen Vertrag und dem käme er als Superbowl-Teilnehmer einen großen Schritt näher. Auf Seiten der Patriots könnte wieder eine Wundertüte zum Einsatz kommen. Ein gewisser Jonas Gray lief im November den Colts um die Ohren. 201 Yards und vier Touchdowns. Der wurde zuletzt zwar gar nicht mehr aktiviert, aber die Wege des Belichick sind bekanntlich unergründlich.

Dallas und die Referees

Die Saison der heuer über weite Strecken formidabel spielenden Dallas Cowboys ging in Green Bay zu Ende. Das hätte sie in zweifacher Hinsicht nicht tun sollen. Die Liga beschäftigte sich die halbe Woche zuvor mit Entschuldigungen in Richtung Detroit, welches gegen die Cowboys in der Wild Card-Runde wegen einer Fehlentscheidung der Schiedsrichter rausflog. Wobei die Pikanterie die war, dass die Entscheidung (PI gegen Dallas) ursprünglich (fast) korrekt war (es war eigentlich ein Defensive Holding), diese aber nach Beratung der Crew zurückgenommen wurde. Es sei gar nichts gewesen, was nachweislich Unsinn war. Dallas hätte die Partie, ohne diesem Zurückrudern zu einer Fehlentscheidung, wohl verloren. Auf der anderen Seite waren sie dann Leidtragende eines von Green Bay beanstandeten Spielzugs, als Dez Bryant bei einem kritischen 4th Down nur vermeintlich einen Catch machte, der nach Sichtung der Zeitlupe zur Incompletion plus Turnover On Downs wurde. Aus regeltechnischer Sicht ging die Entscheidung wohl in Ordnung, als Konsument darf man jedoch durchaus die Sinnhaftigkeit des Ganzen infrage stellen. Bryant machte nämlich den Catch, selbst ein glühender Käsekopf konnte das erkennen. Dass am Papier steht, dass er (Bryant) durch den gesamten Prozesses des Ballfangs hindurch auch vollen Ballbesitz behalten muss, das ist spätestens dann absurd, wenn er diese vermeintliche Kontrolle deshalb verliert, weil er den Arm vorstreckt um sofort einen Touchdown zu erzielen. Das war ein Catch. Punkt. Dallas hätte das Spiel gewinnen sollen, sie hätten allerdings nie in diesem spielen dürfen. Ausgleichende Gerechtigkeit sagen die einen, die Twitter- und facebook NFL-Esoteriker sprechen von Karma.

Da, wo sie sein wollen

Da wäre dann noch der Titelverteidiger. Seattle hatte, so zischt manch böse Zunge, mit Carolina eine zweite Bye Week. Tatsächlich hatten die Panthers nie wirklich eine Chance ihr Divisional in Washington zu gewinnen. Der Star heisst Kam (Chancellor) und nicht Cam (Newton). Ich mag zu dem Zeitpunkt keine Debatte über Sinn und Unsinn des Playoff-Formats anreissen, es ist aber klar, dass sowohl Carolina, als auch das zuvor von ihnen gerupfte Arizona aktuell sicher nicht zu den zwölf besten Mannschaften der Liga zählen. Wobei mir, bis auf Philadelphia, in der NFC nicht mehr viel Playofftaugliches einfallen mag, welches nicht in diesem auch stand. Also belassen wir es dabei.

Die Seahawks sind zum richtigen Zeitpunkt genau dort wo sie sein wollten. In der Vorschlussrunde und dabei in Hochform. Der Gegner hat mit Aaron Rodgers einen Quarterback dem der Schenkel zwickt und der deshalb eher nicht laufen wird. Russell Wilson, hypermobiler Seahawks Spielmacher und seit kurzem auch Testimonial des österreichischen Brötchengebers Eat the Ball, ist bekanntlich sehr gut zu Fuß und damit hat Seattle auch eine schwer ausrechenbare Offense. Im Grunddurchgang findet der effektivste Laufangriff mit Wilson und Runningback Marshawn Lynch (172.6 YPG) zur stärkten Overall Defense (267 YGP), wobei diese die beste gegen den Pass (185,6) und drittbeste gegen den Lauf (81,5 YPG) war. Das ist ein Paket, welches wirklich kein Gegner braucht.

Green Bay seinerseits steht mit seiner Offense brav an sechster Stelle der Regular Season Stats, defensiv gehört man aber nach wie vor nicht zur Ligaspitze, auch wenn die Frisur mancher Linebacker anderes vortäuschen will. So richtig bissig ist man nur optisch, die Zahlen dazu schauen weniger gefährlich aus. 346,4 Yards lässt man pro Spiel zu, dabei erzielt der Gegner im Schnitt 21,8 Punkte. Das ist okay, mehr aber nicht.

Auch das Spiel gab es bereits im Grunddurchgang. Es ist allerdings schon über vier Monate her, als Seattle Green Bay zum Auftakt mit 36:16 recht deutlich im Griff hatte.

Die Conference Finals im TV

Die sieht man am kommenden Sonntag im NFL Gamepass, auf Sport1 US und natürlich auch auf Puls 4 und im Webstream. Wir beginnen mit der Vorberichterstattung bereits um 20:15 Uhr. Im Studio begrüsst Christian Nehiba die Herren Pasha Asiladab und Bojan Savicevic zu einem achtstündigen Live-Marathon. 300 geladene Sportfreunde- und Freundinnen im Puls 4 HQ werden dann ab 21:05 Uhr das NFC Titelspiel Seattle Seahawks vs. Green Bay Packers einpeitschen und die Harten unter ihnen werden um 00:40 bei New England Patriots vs. Indianapolis Colts erst so richtig wach sein.

Bis Sonntagabend (oder Montagmorgen)

Ihr Walter Reiterer

  • Irren ist menschlich.
    foto: apa/epa/gunther

    Irren ist menschlich.

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