Claudia Pechstein: Die eisige Nemesis der Sportgerichte

Kopf des Tages15. Jänner 2015, 17:37
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Die ehemalige Eisschnellläuferin könnte die Sportgerichtsbarkeit kippen

Gut möglich, dass demnächst nur noch ein sportlicher Unterschied zwischen Claudia Pechstein und Jean-Marc Bosman festzustellen ist. Der Belgier, der das System der Ablösen für vertragslose Fußballer und der Ausländerbeschränkungen in Europas Ligen auf Klagsweg zu Fall brachte, war ein mittelmäßiger Spieler. Die Deutsche, die drauf und dran ist, die Sportgerichtsbarkeit zu kippen, ist eine der besten Eisschnellläuferinnen aller Zeiten.

Schließlich gewann die 42-Jährige aus Berlin-Marzahn bei Olympischen Spielen insgesamt acht Einzelmedaillen, davon vier aus Gold. Damit ist die Polizeihauptmeisterin beim Bundesgrenzschutz die erfolgreichste Olympiasportlerin Deutschlands, geteilt wie ungeteilt, sommers wie winters, weiblich wie männlich.

Der Fall

Im Sommer 2009 fiel die Rekordlerin tief. Die Internationale Eislaufunion (ISU) sperrte Pechstein wegen Blutdopings für zwei Jahre. Proben ihres Blutes enthielten mehr neu gebildete rote Blutkörperchen, als der von der ISU festgesetzte Höchstwert vorsah. Das Urteil erging als eines der ersten seiner Art ohne Dopingnachweis, aufgrund von Indizien.

Die Sportlerin wandte sich an den Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne (CAS). Aber auch der höchsten Instanz der Sportgerichtsbarkeit genügte ein Beweismaß "höher als die bloße Wahrscheinlichkeit, jedoch geringer als ein Beweis, der jeden Zweifel ausschließt".

Dem Ministerium für Inneres genügte das nicht. Ein Disziplinarverfahren gegen die Beamte Pechstein wurde eingestellt, zumal ein Gutachten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie feststellte, dass sie an einer vererbten Blutanomalie leidet.

Da die Sportgerichtsbarkeit dem Zug der Zeit folgend die Dopingjäger ohne Wenn und Aber stützte und den wissenschaftlichen Beweis nicht würdigte, zog die Sportlerin vor ordentliche Gerichte und klagte die ISU auf Schadenersatz in Millionenhöhe. Der Boulevard fand seine Themen, Scheidung der kinderlosen Ehe, Selbstmordgedanken, teaminterne Streitigkeiten, sechste Olympiateilnahme in Sotschi, gerichtliche Niederlagen – bis zum Donnerstag.

Das Oberlandesgericht München lässt Pechsteins Klage gegen die ISU zu, negiert quasi die Alleinzuständigkeit des Sports. Die Beweislast läge damit bei der ISU, die nur noch auf den deutschen Bundesgerichtshof hoffen kann. Lässt auch der Pechstein gewähren, könnte die internationale Sportgerichtsbarkeit recht flott obsolet werden. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 16.1.2015)

  • Eisschnellläuferin Claudia Pechstein hat vor Gericht Erfolg.
    foto: apa/epa/anreasügebert

    Eisschnellläuferin Claudia Pechstein hat vor Gericht Erfolg.

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