Wenn die Wahlarztpraxis trotzdem gewinnt

15. Jänner 2015, 18:06
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Die Bevorzugung von Frauen beim Besetzen von Gynäkologie-Kassenstellen ist zwar rechtens - In der Realität arbeiten viele Frauenärztinnen aber lieber privat.

Wien - Seit 24 Jahren betreibt Sigrid Schmidl-Amann in St. Pölten eine Kassenordination für Frauenheilkunde. Lange sei sie die einzige Gynäkologin mit Kassenvertrag in der Stadt gewesen. Inzwischen hat sich der Frauenanteil erhöht und mit verfassungsrichterlicher Erlaubnis darf weiter nachgeholfen werden. Denn der Verfassungsgerichtshof (VfGH) gab am Mittwoch bekannt, dass die Bevorzugung von Frauenärztinnen beim Besetzen einer Kassenstelle gegenüber männlichen Kollegen rechtens ist. Ein Salzburger Arzt hatte geklagt, weil Frauen in Bewerbungsverfahren mehr Punkte erhalten können. Im Dezember hatte dazu am VfGH in Wien eine öffentliche Verhandlung stattgefunden.

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) stellte daraufhin fest: "Österreich braucht mehr Frauenärztinnen mit Kassenvertrag." Allerdings ist das Eröffnen einer Wahlarztordination beziehungsweise ihr Betreiben für viele Frauenärztinnen attraktiver. "Ich habe das einmal mit einer befreundeten Wahlärztin durchgerechnet - sie wollte nicht auf Kasse wechseln", sagt Schmidl-Amann. Sie suchte eine Kollegin für eine Kassengruppenpraxis - ohne Erfolg. Nicht einmal eine Vertreterin finde sie.

Bessere Lebensqualität

"Mit einer Wahlarztpraxis sieht zum Beispiel die Work-Life-Balance viel besser aus", sagt Schmidl-Amann. Das sei nun mal für viele Frauen - vor allem mit Kindern - ein wichtiges Thema. Schmidl-Amann hält ihre Ordination 44 Stunden pro Woche geöffnet. Zeit für Buchhaltung, Abrechnung und Steuer sei darin noch nicht enthalten. Für eine Routineuntersuchung erhalte sie rund 28 Euro von der Kasse, für eine diagnostisch-therapeutische Aussprache elf Euro (allerdings weit nicht für jede Patientin). Sie fände es gut, wenn die zeitliche Komponente bei einer Behandlung mehr berücksichtigt würde. Wahlärztinnen würden hingegen mit drei Patientinnen pro Stunde rund 300 Euro oder mehr umsetzen. Kassenärztin sei sie trotzdem "sehr gern. Ich mag die Bandbreite der Patientinnen."

Meiste Wahlarztrechnungen

Gynäkologie ist das Fach mit den meisten Wahlarztrechnungen in Österreich: 2013 entfiel ein Drittel aller Wahlarztrechnungen darauf. Von diesen wurden 62,5 Prozent von Ärztinnen ausgestellt.

Jan Pazourek, Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse, sieht vonseiten der Kassen keinen Handlungsbedarf: Gerade für eine bessere Work-Life-Balance sei viel getan worden - etwa durch Job-Sharing- und neue Vertretungsmodelle. Auch höhere Honorare oder eine Ausweitung des Leistungskatalogs der Kasse in dem Fach ist für ihn kein Thema: Es habe dahingehend bei den letzten Vertragsgesprächen mit der Ärztekammer keine Anträge gegeben, sagt er. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 16.1.2015)

  • Die Beratung beziehungsweise der Zeitfaktor bei der Behandlung von Patientinnen werde zu wenig honoriert, meint eine niederösterreichische Frauenärztin, die einen Kassenvertrag hat.
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    Die Beratung beziehungsweise der Zeitfaktor bei der Behandlung von Patientinnen werde zu wenig honoriert, meint eine niederösterreichische Frauenärztin, die einen Kassenvertrag hat.

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