Houellebecqs "Unterwerfung": Das Ende der alten Welt

15. Jänner 2015, 17:27
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Es geht nicht nur um den Islam: In seinem mittelmäßigen neuen Roman lässt Michel Houellebecq das politische System Frankreichs an seiner Visionslosigkeit zugrunde gehen

Wien - Es sei schwer, in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze zu finden, vor allem, wenn sie gar nicht da sei, schreibt Henri-Frederic Blanc im Roman Teufelei. Ähnlich wie sein vier Jahre jüngerer französischer Kollege Michel Houellebecq schickt auch der 1954 geborene Blanc seine Figuren in einer zerfallenden Welt ans Ende der Liebe und ins Massaker der Illusionen. Er wählt dafür gern die Form der Groteske. Anders als Houellebecq, dem es bitter ernst ist. Ironisch gebrochen sind höchstens dessen bedingt sympathische Hauptfiguren.

Von Anfang an hat Houellebecq, der bei den einen Kultstatus genießt und anderen als "sexdegenerierter Mundgeruchler" gilt, nichts anderes getan, als in der Luft liegende gesellschaftliche Themen wie Stammzellen (in Elementarteilchen 1998) oder religiösen Fundamentalismus (Plattform, 2001) aufzunehmen, sie gegen den Strich zu bürsten und unter Missachtung aller Political-Correctness-Vorgaben zuzuspitzen - was ihm schlechte Presse, aber viele Leser einbrachte.

Krise der Demokratie

Da sich Houellebecq mit seinen Thesen oft im Diffusen unausgesprochener gesellschaftlicher Ängste bewegt, polarisieren seine Romane heftig. Was der Autor mit Sagern über den Islam als "dümmste Religion der Welt" zusätzlich schürte: Längst wird die Person Houellebecq mehr diskutiert als sein Werk. Das ist bei seinem Roman Unterwerfung (Dumont), der heute in deutscher Übersetzung erscheint, nicht anders. In Frankreich schob das Buch, lange bevor es auf dem Markt war, gewaltige mediale Bugwellen vor sich her. Als ruchbar wurde, dass es um den Islam geht und einige Passagen des Romans noch vor dessen Erscheinen in die Öffentlichkeit sickerten, hieß es schnell, das Enfant terrible habe ein Islamisierungs-Horrorwerk geschrieben, das hoch "toxisch" und "pervers" sei, dazu "islamophob" und "reaktionär". Das Blutbad bei Charlie Hebdo, dessen damals aktuelles Cover eine Karikatur des Autors in Silvester-Feierlaune zeigte, tat ein Übriges.

Nachdem er seinen letzten Roman Karte und Gebiet (2010) im Jahr 2030 mit der Vision eines deindustrialisierten Frankreich als eine Art Gourmet-Disneyland für reiche Touristen enden lässt, siedelt Houellebecq die Handlung von Unterwerfung im Jahr 2022 an. Und schnell wird klar, dass es sich hier nicht um ein Buch gegen den Islam, sondern über die Krise der westlichen Demokratie handelt.

Kinder und Zukunft

2017, so die Versuchsanordnung, wird zunächst in der Stichwahl der Sozialist Hollande mit Ach und Krach und Hilfe der Konservativen als Präsident wiedergewählt und so ein Wahlsieg des Front National (FN) verhindert. 2022 kommt es dann in dem "immer unverhohlener rechts denkenden Land" zum Umsturz. Auch bei dieser Wahl liegt der FN mit 32 Prozent der Stimmen in Front, doch die Bruderschaft der Muslime, eine erst fünf Jahre alte Partei, erreicht im ersten Wahlgang mehr Stimmen als die Sozialisten und die Rechtskonservativen. Bürgerkrieg liegt in der Luft.

In der Stichwahl - die Mitte-rechts-Parteien und die Sozialisten haben eine "erweiterte Republikanische Front" mit der Bruderschaft gebildet - wird ein gewisser Mohammed Ben Abbes zum Präsidenten gewählt. Auch weil dieser begriffen hat, dass "Wahlen nicht auf dem Feld der Wirtschaft, sondern auf dem der Werte entschieden würden", so ein Freund des Ich-Erzählers François.

Obwohl es sich um eine gemäßigte Form des Islam handelt, die im Roman auch in Belgien, England und Deutschland Wahlerfolge feiert, sind die lakonisch geschilderten Veränderungen des alltäglichen Lebens beträchtlich. Viele Frauen ("Aufwertung" der Familie) verschwinden aus den Jobs, die Kriminalitäts- und Arbeitslosenraten sinken, der Distributismus (Produktionsmittel in Hand der Arbeiter) wird eingeführt und das Bildungswesen radikal umgebaut. Denn: "Wer die Kinder unter Kontrolle hat, der hat die Zukunft unter Kontrolle."

Der 44-jährige, diesen Veränderungen ausgesetzte Ich-Erzähler François ist eine typische Houellebecq-Figur, will heißen, ein vereinsamter, liebesfrustrierter, sich von Nassfertiggerichten ernährender, trinkender und rauchender Misanthrop mit durchzogenem Frauenbild. Daher kann er "Kochtopf-Frauen"und der eingeführten Polygamie einiges abgewinnen. Der Wechsel im Bildungswesen betrifft ihn als Hochschulprofessor für Literatur an der Sorbonne allerdings direkt. Er müsste, um weiter lehren zu können, zum Islam übertreten. Was er ablehnt.

Auswanderung

François wird mit einer guten Pension - die finanziell exzellent ausgestattete Uni hat das Fähnchen in den Wind saudischer Petrodollars gehängt - in den Ruhestand geschickt. Was auch den Verlust von Sexabenteuern mit Studentinnen bedeutet. Auch die 22-jährige Myriam ist fort, nach Israel ausgewandert.

Die Literatur, das zweite wichtige Feld dieses Romans, wird François zurück ins Spiel bringen. Er ist ein international anerkannter Experte des Werkes von Joris-Karl Huysmans (1848-1907). Der neue Uni-Rektor würde François gern als gut bezahltes Aushängeschild an der Uni haben. Dieser kommt ins Grübeln. Ob er annimmt und konvertiert, bleibt offen, der letzte Teil des Romanes ist im Konjunktiv gehalten.

Auf weiten Strecken handelt Unterwerfung vom Leben mit und in der Literatur sowie dem Verhältnis zwischen Welt und Autor. Ab der Mitte des in lockeren Parlando-Stil anhebenden Romanes merkt man deutlich, wie Houellebecq das Interesse an Versuchsanordnung und Hauptfigur verliert.

Vieles formt der Autor nicht mehr aus, er schraffiert nur. Zunächst stirbt die vereinsamte Mutter, dann der Vater, der es mit einer Jüngeren probierte. François begibt sich, all das innerhalb weniger Seiten, wie Huysmans ins Kloster, wo er es nicht aushält.

Das alles ist trotz starken Beginns mäßig gelungen. Und der Skandal besteht wohl primär darin, dass das Buch ebenso gut "Kollaboration" heißen könnte, denn viele - auch ehemalige Identitäre - arrangieren sich darin rasch mit den neuen Verhältnissen. "Situationselastisch" würde man das mit einem neuen Unwort nennen. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 16.1.2015)

  • Es ist drin, was draufsteht: der Autor bei der Präsentation des Films "Die Entführung des Michel Houellebecq" 2014.
    foto: apa / epa / hugo ortuno

    Es ist drin, was draufsteht: der Autor bei der Präsentation des Films "Die Entführung des Michel Houellebecq" 2014.

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