Vinzenzgemeinschaft-Gründer: "Muss Politikern die Leviten lesen"

16. Jänner 2015, 07:00
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Mit dem Anspruch, Armut zu bekämpfen, wo sie übersehen wird, startete vor 25 Jahren die Grazer Vinzenzgemeinschaft um den Priester Wolfgang Pucher. Heute gibt es 37 Vinziwerke in Österreich und Europa

Graz - Wenn man über Armut in Österreich spricht, kommt man um den 75-jährigen Grazer Priester Wolfgang Pucher nicht herum. Der "Armenpfarrer" ist einer der unbeugsamsten Kämpfer für Menschen in Not und scheute dabei die Medien nie. Die von ihm gegründete Vinzenzgemeinschaft feiert am Samstag 25. Geburtstag.

Die Bilanz der Gemeinschaft, die damals elf Menschen auf die Beine stellten, kann sich sehen lassen: Es sind 37 Einrichtungen, sogenannte Vinziwerke, von Odessa über das slowakische Hostice, Heimatort vieler einst in Graz bettelnder Roma, bis Bozen; und natürlich Hilfsprojekte und Häuser für obdachlose Österreicher und europäische Roma in fast allen Bundesländern, darunter Wien, Salzburg, Klagenfurt und Innsbruck.

Kein Blatt vor dem Mund

Ein Blatt vor den Mund nahm sich der Pfarrer dabei nie. Wenn er Politiker maßregelte, weil sie seiner Meinung nach unsoziale Entscheidungen trafen, mutierten erwachsene Männer zu verschämten Schulbuben. "Es muss Leute geben, die den Politikern ordentlich die Leviten lesen", sagt Pucher im Standard-Gespräch, "denn die Betroffenheit, das Mitgefühl für Arme fehlt ihnen".

Begonnen habe man vor 25 Jahren mit dem einfachen Grundsatz: "Armut dort bekämpfen, wo sie übersehen wird." Pucher und seine Helfer stellten fest, "dass Obdachlose zwar immer irgendwo ein Mittagessen bekommen, aber kein Abendessen. Also sind wir losgefahren mit belegten Broten und heißem Tee." Wo man Obdachlose fand, war bekannt: auf innerstädtischen Plätzen und in Parks. Der Vinzibus war geboren.

Wenig später, im Winter 1991/1992, der ein besonders harter war, fand man eine Gruppe bosnischer Flüchtlinge, "Deserteure, die am Hauptbahnhof völlig unberührt von jeder Organisation hungerten und froren. Die Polizei hat sie regelmäßig vertrieben, sie hatten keine gültigen Papiere", erinnert sich Pucher, "einer der Männer hat mir eine eitrige Bisswunde am Bein gezeigt. Von einem Polizeihund."

Wieder kam man mit Broten und Tee. "Die haben den Bus gestürmt und uns die Brote regelrecht herausgerissen, so hungrig waren sie", sagt Pucher. Er organisierte Zelte für die Männer, und man baute am Sportplatz seiner Pfarre, St. Vinzenz, spontan ein Flüchtlingslager für 100 Menschen.

Auch Alkoholkranke willkommen

"Heute muss in Graz kein Obdachloser mehr in einem Drecksloch hausen", sagt der Priester stolz. Zu den "Menschen, die übersehen wurden", gehörten vor 25 Jahren Alkoholiker. "Die waren damals unter der Brücke, weil man in keiner Einrichtung trinken durfte", erzählt Pucher, "offiziell sagte man uns, die wollten da sein, aber das war eine Schutzbehauptung." So entstand 1993 das erste Vinzidorf: eine Containersiedlung neben der Grazer Leonhardkirche, wo auch Alkoholkranke leben dürfen.

Pucher setzte die Suche nach den "Vergessenen" fort. Auch Häuser für psychisch kranke Frauen, die sich weigern, Medikamente zu nehmen und deswegen nirgends bleiben dürfen, werden von den Vinziwerken geleitet. Das führte auch zu Kritik an mangelnder professioneller Betreuung. Bessere Lösungen für jene, die in der Gesellschaft übrig bleiben, fand aber auch niemand.

Pucher erwartet sich mehr Hilfe vom Staat. "Es würde ganz wenig helfen, aber die Politik setzt sich nicht mit der Not der Leute auseinander", kritisiert er, "in Sonntagsreden behaupten sie das, aber die erste Schaltung im Politikergehirn sucht nach Wählerstimmen." Das sei auch "der Grund für die Entstehung des Bettelverbots gewesen", ist Pucher, der sich 2011 selbst mit tausenden Grazern aus Protest gegen das von SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossene Gesetz bettelnd auf die Straße setzte, sicher. Der Verfassungsgerichtshof gab ihnen recht. "Landeshauptmann Franz Voves hat später zugegeben, dass das ein Fehler von ihm war, das war eine große Genugtuung für mich", triumphiert Pucher heute.

Lob für Kommunisten

Nicht alle Parteien seien gleich: "Die KPÖ denkt wirklich an Arme. Dass die in jede Gemeindewohnung eine Nasszelle gebaut hat, bringt wenige Wählerstimmen. Auch, dass die auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, finde ich großartig", lobt der Pfarrer. Nachsatz: "Ihre Ideologie kann ich aber nicht annehmen." Auch die Grünen "haben echte Ideale, auch wenn sie nicht immer was zusammenbringen."

Für Pucher hat sich Armut in Österreich seit 1990 verändert. "Die materielle Armut hat durch die Mindestsicherung abgenommen. Heute haben die meisten Obdachlosen ein bisserl Geld, früher hatte ein Drittel überhaupt nichts", weiß Pucher, "aber es gibt immer mehr Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten."

Was er sich von der Politik wünsche? "Solche Projekte wie unser 'Housing first' in Salzburg. Da gehen Obdachlose kerzengerade in betreute Einzelwohnungen, nicht in Heime. Das kostet nicht viel." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 16.1.2015)

  • Anfang der 1990er fuhr erstmals der Vinzibus aus, um belegte Brote und  Tee zu Obdachlosen zu bringen.
    foto: vinziwerke

    Anfang der 1990er fuhr erstmals der Vinzibus aus, um belegte Brote und Tee zu Obdachlosen zu bringen.

  • Streitbar und hartnäckig: Der Armenpfarrer Wolfgang Pucher (75), hier bei der Verleihung des Essl Social Prize 2010.
    foto: apa

    Streitbar und hartnäckig: Der Armenpfarrer Wolfgang Pucher (75), hier bei der Verleihung des Essl Social Prize 2010.

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