FM4-Chefin Eigensperger: "Ich bin sicher nicht berufsjugendlich"

Interview16. Jänner 2015, 05:30
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Vor 20 Jahren ging FM4 on air – zu einer Zeit, als Provokation noch leichter war

STANDARD: In der Gründungszeit war FM4 mit Sendungen wie "Salon Helga" und "Projekt X" anarchistischer als heute. Ist der Sender braver geworden?

Monika Eigensperger: Vielleicht haben sich auch nur die Menschen daran gewöhnt, wie wir sind? Satire darf zuspitzen, das haben wir immer schon gefunden. Aufgabe ist es, in der Überspitzung den wunden Punkt zu treffen und einen Erkenntnisgewinn zu bekommen. Wir haben mit "Top FM4" mit Roli und Hannes eine neue Sendung, mit Lukas Tagwerker einen Kollegen, der mit Komik und Satire arbeitet, und etwa noch Hosea Ratschiller und Martin Puntigam, um nur einige zu nennen. "Projekt X" ist nach wie vor im Programm.

STANDARD: Provokation wird zur Normalität?

Eigensperger: Ja. Vor 20 Jahren war es halt das erste Mal. Als "Titanic" gegründet wurde, war die Aufregung größer, als das jetzt bei aktuellen Ausgaben der Fall ist. Jetzt weiß man, wofür FM4 steht, damals war in diesem Land alles noch sehr verstaubt. Heute, das ist natürlich ein Punkt, gibt es das Alleinstellungsmerkmal nicht mehr. Ob Grissemann und Stermann mit der jetzigen TV-Show vor zehn Jahren möglich gewesen wären, bin ich mir nicht sicher. Aktuell wird zum Beispiel die Diskussion geführt, was Satire darf: Sie darf alles, aber dass sie alles darf, dafür muss man kämpfen.

STANDARD: FM4-Journalisten bekommen oft das Etikett "Berufsjugendliche" umgehängt. Nervt das?

Eigensperger: Ich finde die Bezeichnung kolossal dumm. Das sind alles professionelle Radiomacher. Man würde auch nicht Nachrichtenredakteuren von anderen Medien vorwerfen, dass sie Nachrichtenredakteure sind, nur weil das deren Beruf ist. Viele haben jetzt andere Themen im Fokus als noch vor einigen Jahren. Ich bin sicher nicht berufsjugendlich und war das auch nie.

STANDARD: Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren am stärksten verändert?

Eigensperger: Durch das Internet und soziale Medien hat sich die gesamte Kommunikation verändert. Musik wird auf unterschiedlichste Art gehört. Verändert hat sich die gesamte Musikindustrie, also das gesamte mediale Umfeld. Radio senden allein an eine junge, gebildete Zielgruppe reicht nicht. Wichtig sind neue Distributionswege für unsere Inhalte und Gedanken und die Zugänglichkeit. Die einschränkenden gesetzlichen Regelungen etwa in den sozialen Medien waren ein schwerer Rucksack. Die neuen Registrierungsvorschriften, die wir aufgrund gesetzlicher Vorgaben auf unserer Webseite implementieren mussten, wurden als extreme Einschränkung empfunden.

Umso glücklicher bin ich, dass wir trotzdem eine lebendige Community auf unserer Webseite, auf Facebook und Twitter haben. Das sind wichtige Rückkanäle. Von oben herabsenden, ohne Kommunikation zuzulassen, ist nicht mehr zeitgemäß. Vor 20 Jahren hatten wir, als wir um 19 Uhr zu senden begonnen hatten, im Bereich elektronischer Musik ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal. Jetzt gibt es viel mehr Möglichkeiten.

STANDARD: Ist Radiomachen schwieriger geworden?

Eigensperger: Es findet in einem anderen Umfeld statt, es ist aber nach wie vor ein sehr direktes, persönliches Medium. Haben unsere Hörer oder Leser bei einem kontroversiellen Thema einen anderen Standpunkt, erfahren wir das sehr schnell. Radio ist als Medium sehr leicht zugänglich, aber nicht mehr nur aus dem einen Kastl, sondern als Stream oder on Demand wie unsere Leiste "7 Tage FM4". Wenn 100.000 Menschen in einem Monat Spezialsendungen nachhören, ist das ein Service. Das wird heutzutage erwartet.

STANDARD: Viele FM4-Protagonisten sind schon sehr lange beim Sender. Ist auch die Hörerschaft älter geworden?

Eigensperger: Unsere Kernzielgruppe sind die 18- bis 34-Jährigen. Die Jungen und überdurchschnittlich Gebildeten machen 55 Prozent unserer Hörer aus. Bei den ganz Jungen war es immer schon schwierig, weil das Programm zum Teil fremdsprachig ist und wir komplexe Themen behandeln. Menschen rein nach dem Alter zu kategorisieren halte ich für falsch. Haben Leute mit 40 Jahren oder danach immer noch ein popkulturelles Verständnis und interessieren sich für Sachen abseits des Mainstreams, dann bleiben sie uns treu. Und wir haben sicher einen Anteil an Hörerinnen und Hörern, die mit uns mitgewachsen sind. Das ist ein Teil unserer und ein Teil ihrer Identität. Aber um sich ein Gesicht vorzustellen: Der Student Mitte 20 ist der klassische FM4-Hörer, nach wie vor.

foto: fm4
Bekannte Gesichter: FM4 in den Anfangsjahren.

STANDARD: Sie haben gesagt, dass viele mangels Alternativen bei FM4 bleiben. Ist das das Asset des Senders?

Eigensperger: Im Grunde stimmt das. Für eine weltoffene Community liefern wir aber einfach ein gutes inhaltliches Angebot, das woanders nicht so leicht gefunden wird. Im Internet finde ich alles, aber wenn ich den Knopf aufdrehe, nicht unbedingt.

STANDARD: Mit Digitalradio entsteht neue Konkurrenz. Der ORF plant einen eigenen Jugendkanal. Befürchten Sie Hörerkannibalisierung?

Eigensperger: Furcht ist keine Strategie für mich. Über die konkreten Pläne weiß ich zu wenig, und die Diskussion sollte intern geführt werden.

STANDARD: Die FM4-Reichweite ist im ersten Halbjahr 2014 laut Radiotest bei den 14- bis 49-Jährigen (Montag bis Sonntag) von 5,7 auf 5,5 Prozent gesunken. Und vor ein paar Jahren hatten Sie noch mehr Hörer (siehe Grafiken oben). Anlass zur Sorge?

Eigensperger: In dem Korridor um 300.000 Hörer bewegen wir uns schon sehr lange. Sieht man sich die Kurve der letzten zehn Jahre an, sind wir für die vielen neuen Angebote, die uns Konkurrenz machen, sehr stabil geblieben. Wir haben eine beschränkte Zielgruppe, und unser Auftrag ist es nicht, zu einem Massensender zu mutieren.

STANDARD: Brechen jene, die dem Sender jahrelang die Treue gehalten haben, langsam weg, und kommen zu wenige Junge nach, um diese Lücke zu füllen?

Eigensperger: Die Jungen sind für alle Medien schwer erreichbar. Es ist sicher kein Vorteil, dass wir seit mehr als zwei Jahren keine Werbekampagne mehr machen können, weil es am Geld fehlt. Gerade in dieser Zielgruppe wäre Aufmerksamkeit wichtig. Ich hoffe sehr, dass sich das heuer ändert.

STANDARD: Fehlt der journalistische Unterbau, um sich jünger zu positionieren?

Eigensperger: Die großen Namen sind halt starke Persönlichkeiten, die man kennt. Für einen kleinen Sender haben wir viele davon, die nicht nur in Nischen bekannt sind, sondern weit über die Zielgruppe hinaus. Zweitens haben wir auch jüngere Leute, die sehr gute Arbeit leisten. Sich einen Namen zu machen dauert halt einfach. Wir haben Persönlichkeiten im Sender – um nur einige zu nennen – wie Elisabeth Gollackner, Erfinderin der "Wahlfahrt" und vom Fernsehen abgeworben, Mari Lang, die ein TV-Reportageformat präsentiert hat, oder Hosea Ratschiller, der Kabarettpreise gewinnt.

foto: niedermair
Hosea Ratschiller, hier auf einer Aufnahme aus dem Wiener Kabarett Niedermair aus dem Jahr 2011.

STANDARD: Durch den neuen Kollektivvertrag soll es Anstellungen von Jüngeren geben. Statt der erwarteten 14 Personen dürften es aber nur die Hälfte oder etwas mehr werden.

Eigensperger: Es ist noch nicht alles fixiert, aber im Grundsatz wurde mit uns fair umgegangen. Ich finde diesen neuen KV sehr wichtig, auch dass es die Möglichkeit gibt, im ORF jüngeren Menschen eine Perspektive zu geben. Ich erhoffe mir mehr Durchlässigkeit und Bewegungsmöglichkeiten innerhalb des Hauses. In den Jahren des rigiden Sparens hatten Abteilungen große Probleme, ihre Aufgaben überhaupt zu erfüllen. Dadurch war die Mobilität eingeschränkt, auch durch mühsame bürokratische Hürden. Crossmediales Arbeiten wird das erleichtern.

STANDARD: Bis 2021 soll der trimediale Newsroom auf dem Küniglberg entstehen, der TV, Radio und Online vereint. Freuen Sie sich auf den Umzug, oder überwiegt die Skepsis?

Eigensperger: Gerade weil FM4 am Anfang unter räumlich elendiglichen Bedingungen gearbeitet hat, weiß ich, dass man auch so ein gutes Programm machen kann. Das wünscht man sich aber nicht. Einen Neustart kann man mit großer Angst oder einer positiven Vision sehen. Ein neues Gebäude wird in der Zusammenarbeit keine Wunder wirken, es ist schließlich nur ein Gebäude. Kommunikation sollte ständig am Laufen sein. Bei vielen Menschen, die im Funkhaus arbeiten, schlägt das Herz für die Umgebung. Das ist deren Heimat – auch für Kulturschaffende. Die verlässt man nicht gerne.

STANDARD: Sehen Sie die Gefahr, dass die Eigenständigkeit von FM4 unter die Räder kommt?

Eigensperger: Mir wird das Gegenteil versichert. An der Eigenständigkeit der Channels wird nicht gerüttelt, das ist gut so und soll so bleiben.

STANDARD: Also kein Horrorszenario, dass die Nachrichten dann etwa von der Ö3-Redaktion mitproduziert werden?

Eigensperger: Ich neige nicht zu permanenten Befürchtungen. Soviel ich weiß, wird FM4 am Küniglberg einen Teil des neuen Gebäudes als Sender besiedeln und dort eigenständig arbeiten. Ö3-Nachrichten werden ja auch von Kollegen aus der Hörfunkinformation gemacht – umgeschnitten auf die Zielgruppe. Die FM4-Nachrichten sind englischsprachig, sie werden von Native Speakern präsentiert. Ich gehe davon aus, dass das so bleibt – mit einem weiterhin deutlich stärkeren Fokus auf Internationalität als andere Kanäle.

STANDARD: Bei Ö1 wird massiv gegen den Küniglberg protestiert. Bei FM4 sind die kritischen Stimmen leiser. Warum?

Eigensperger: Es gibt überall Kollegen, die diese Vorstellung nicht befürworten, und jene, die für den Umzug sind. Das Funkhaus steht für etwas, es ist eine Heimat für viele mit einer Verortung mitten im Herzen Wiens. Es gibt starke Gefühle dafür, während man von dem, was auf dem Küniglberg passieren wird, noch keine konkrete Vorstellung hat.

STANDARD: Die Quote österreichischer Musik liegt bei FM4 bei rund 20 Prozent, bei Ö3 ist es viel weniger. Viele Musiker, auch Politiker, wünschen sich einen Anteil von 30 oder 40 Prozent in den ORF-Radios. Was halten Sie von einer Verpflichtung?

Eigensperger: Bei FM4 sind wir zwischen 20 und 25 Prozent. Ich habe seit Jahrzehnten die gleiche Meinung: Ich bin gegen Quoten und staatliche Vorschriften, was gespielt werden soll, und zwar aus Prinzip. Ich setze mich dafür ein, Kulturschaffende und deren Wirken widerzuspiegeln. Das machen wir. So viel, wie wir können, und ohne Grenzen. Es hängt aber natürlich vom aktuellen Repertoire ab. Wir spielen wenige Oldies. Genau in dem Musikspektrum, für das FM4 steht, ist eine wahnsinnig vielfältige Entwicklung passiert. Das ist kein Zufall. Österreichische Bands zu fördern war uns ohne Vorschriften ein wichtiges Anliegen und wird es auch weiterhin bleiben.

STANDARD: Dauerthema ist die Diskussionskultur in Foren. Sind Sie zufrieden mit der FM4-Community?

Eigensperger: Wenn ich andere Foren beobachte, dann darf sich FM4 sehr glücklich schätzen. Manchmal ist der Ton zwar rau, aber unsere Community ist weder verhetzend noch beleidigend, wie das zum Teil auf anderen Plattformen der Fall ist. Greift jemand im Ton daneben, gibt es eine starke Selbstregulierung durch andere User. Löschorgien müssen wir nicht veranstalten.

STANDARD: Sind Sie für eine Klarnamenpflicht?

Eigensperger: Unser Registrierungsprozess ist schon so aufwändig, was eigentlich absurd ist, denn über die IP-Adresse können User sowieso ausgeforscht werden. Klarnamen sind meiner Meinung nicht die Lösung für alle Probleme. Erstens kann er trotzdem verschleiert werden, und zweitens würden Bevölkerungsteile mit zum Beispiel rassistischen Angriffen zu kämpfen haben. Wehrt man sich gegen Beschimpfungen mit seinem Klarnamen, dann bricht der ganze Mob über jene herein – etwa bei Ausländern, Muslimen oder wenn es um die eigene sexuelle Orientierung geht, die Leute kommentieren oder verteidigen möchten. (Oliver Mark, DER STANDARD, Langfassung, 16.1.2015)

Monika Eigensperger (55) ist seit 1996 Chefin von FM4.

Hintergrund: Die Gründung von FM4

Gegründet wurde FM4 im Zuge der umfassenden Reform von Ö3 und dem Startschuss für Privatradios. Um sich gegen die aufkeimende Konkurrenz zu wappnen und das Radiozugpferd Ö3 noch stärker auf Mainstream und Kommerz zu polieren, brauchte der ORF ein neues Nischenprogramm und erfand FM4. Am 16. Jänner 1995 um 19 Uhr schickte der Sender seine Klänge erstmals über den Äther. Die Frequenz teilte sich FM4 bis ins Jahr 2000 mit Blue Danube Radio. In den Anfangsjahren wurde nur von 19 bis 1 Uhr gesendet, Vollprogramm ist FM4 seit 1. Februar 2000. Am Freitag, 16. Jänner, geht ein Best-of der letzten Jahre on air. Das Geburtstagsfest findet am 24. Jänner in der Ottakringer Brauerei statt.

  • Da waren sie noch jünger: Grissemann, Stermann, Knötzl und Votava (v. li.)  beim dritten Geburtstag. Am Freitag feiert FM4 seinen 20er.
    foto: fm4

    Da waren sie noch jünger: Grissemann, Stermann, Knötzl und Votava (v. li.) beim dritten Geburtstag. Am Freitag feiert FM4 seinen 20er.

  • FM4-Chefin Monika Eigensperger.
    foto: fm4

    FM4-Chefin Monika Eigensperger.

  • Reichweiten von Montag bis Freitag in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Der Sender wurde erst im Jahr 2000 zum Vollprogramm.
    grafik: orf

    Reichweiten von Montag bis Freitag in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Der Sender wurde erst im Jahr 2000 zum Vollprogramm.

  • Reichweiten von Montag bis Sonntag in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Der Sender wurde erst im Jahr 2000 zum Vollprogramm.
    grafik: orf

    Reichweiten von Montag bis Sonntag in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Der Sender wurde erst im Jahr 2000 zum Vollprogramm.

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