Wie Kitzbühel, nur anders

15. Jänner 2015, 16:15
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Die Lauberhornrennen zählen zu den berühmtesten im Skiweltcup. Nur Kitzbühel ist der Rang nicht abzulaufen, schon gar nicht partymäßig. In Wengen ist der Sport das Wichtigste - für Kjetil Jansrud auch. Der Norweger war der Schnellste im Abfahrtstraining

Wengen - Zur Eröffnung sang der Schweizer Schlagerstar Francine Jordi. Ein bisschen Party ist auch in Wengen. Aber Wengen ist nicht Kitzbühel. Zum 85. Mal steigen die Lauberhornrennen an diesem Wochenende. Zwischendurch gibt's ein bisschen Rahmenprogramm. Alles im Rahmen. Wengen hat seine Grenzen. Der Ort auf 1274 Meter Höhe im Berner Oberland zählt rund 1200 Einwohner und ist nur per Zahnradbahn erreichbar.

"Bei uns steht der Sport im Mittelpunkt", sagt Urs Näpflin. Der 55-Jährige gibt heuer erstmals den Präsidenten des Organisationskomitees, dem er schon seit 1981 angehört. Gleich bei der Premiere wird Näpflin auf die Probe gestellt. Das Programm musste kurzfristig umgestellt werden. Weil für Samstag Schneefall vorhergesagt ist, wurde die Abfahrt auf Sonntag verschoben, der weniger wetterabhängige Slalom auf den Samstag vorverlegt. Heute soll, wie geplant, die Superkombination über die imposante Bühne gehen. Für Sonntag wurde Sonnenschein prognostiziert.

Kondition statt Überwindung

Der Weltcup am Lauberhorn ist die größte wiederkehrende Sportveranstaltung der Schweiz - und freilich ziemlich wichtig für Wengen. 1930 fanden die Internationalen Lauberhornrennen erstmals statt. Höhepunkt war und ist die Abfahrt - nach jener auf der Streif die berühmteste im Weltcup. "Kitzbühel ist der wichtigste Anlass im Winter. Wengen ist der zweite große Klassiker", sagt Näpflin. Am Lauberhorn sei die sportliche Überwindung nicht so groß wie in Kitzbühel, dafür wird den Teilnehmern konditionell besonders viel abverlangt. Mit 4480 Metern ist die Abfahrt die längste im Weltcup. Da bleibt keine Zeit, die Kulisse mit Eiger, Mönch und Jungfrau zu genießen - zumindest nicht während des Rennens.

"Ich komme jedes Mal unglaublich gerne hierher. Das Panorama und die Abfahrt sind einzigartig", sagt Hannes Reichelt, der in Wengen schon zweimal Zweiter und einmal Dritter war. Klaus Kröll war 2011 der letzte österreichische Sieger. In den vergangenen sechs Jahren triumphierte viermal ein Lokalmatador, im Vorjahr war es Patrick Küng. Und wer gewinnt heuer? "Beat Feuz", sagt Urs Näpflin. Der 27-Jährige aus Schangnau im Kanton Bern siegte bereits 2012. "Natürlich wäre es schön, würde ein Schweizer gewinnen", sagt Näpflin. Aber es dürfe auch ein Österreicher sein. Vieles spricht freilich für einen Norweger. Kjetil Jansrud entschied das zweite Training vor Matthias Mayer für sich. "Das ist eine coole Abfahrt", sagt der Norweger, heuer schon Gewinner zweier Abfahrten und zweier Super-G. In der Lauberhornabfahrt war er bisher nie besser als 13.

Sicherheit geht vor

Näpflin sagt: "Das wichtigste ist, dass kein Unfall passiert." Und schon gar nicht so einer wie 1991. Der damals 20-jährige Tiroler Gernot Reinstadler war im Training so schwer gestürzt, dass er wenig später seinen Verletzungen erlag. Näpflin: "Das war ganz klar der Tiefpunkt. Das darf sich nicht wiederholen." Den Veranstaltern wurde damals keine Schuld am Unfall zugesprochen. Die Sicherheitsvorkehrungen seien auf aktuellstem Stand gewesen.

Der Abfahrtssport berge immer ein Risiko. Aber man versuche, das Rennen so sicher wie möglich zu machen. Man sei ständig in Kontakt mit dem internationalen Skiverband (FIS) bezüglich neuer Technologien. Kontrollen werden regelmäßig durchgeführt. Begehungen gibt es bereits im Sommer.

Austausch mit Kitzbühel

Die Vorbereitung für die Rennen begannen Mitte November. Rund 1800 Helfer waren und sind im Einsatz, ein Einsatz, der sich finanziell niederschlagen soll. Bei gutem Wetter könne man einen Gewinn von 100.000 bis 150.000 Schweizer Franken erwirtschaften, sagt Näpflin. 7,2 Millionen Franken standen als Budget für die Veranstaltung zur Verfügung, seit gestern also fast 7,2 Millionen Euro.

Im Übrigen gebe es keinen Konkurrenzkampf mit den Kitzbühelern. "Wir tauschen uns gut aus", sagt Näpflin. Beide Abfahrten haben ihre markanten Schlüsselstellen. Wengen hat den Hundsschopf, den Hanneggschuss, die Minschkante - und Frau Jordi. (Birgit Riezinger aus Wengen, DER STANDARD, 15.1.2015)

  • Der Norweger Kjetil Jansrud, der große Dominator der Speedrennen in  dieser Saison, überzeugte auch im Abschlusstraining auf dem Lauberhorn.
    foto: apa/epa/bott

    Der Norweger Kjetil Jansrud, der große Dominator der Speedrennen in dieser Saison, überzeugte auch im Abschlusstraining auf dem Lauberhorn.

  • Perfekte Kulisse: Georg Streitberger am Silberhornsprung.
    foto: apa/ap/schneider

    Perfekte Kulisse: Georg Streitberger am Silberhornsprung.

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