Khaled Khoja: Die syrische Opposition spricht Türkisch

Kopf des Tages14. Jänner 2015, 19:03
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Der 49-Jährige ist neuer Chef des größten syrischen Oppositionsverbands

Nach einem Jahr Stillstand tut sich wieder etwas in der syrischen Opposition: Eines der Zeichen dafür ist, dass die Syrian National Coalition (SNC) – trotz ihrer langen Lähmung noch immer die größte Dachorganisation – die Führungsebene neu aufstellt. Khaled Khoja gewann vergangene Woche in Istanbul knapp die interne Wahl zum Chef, mit 56 von 106 Stimmen.

Der 49-Jährige folgt Hadi al-Bahra nach, der nicht mehr antrat. Bahra galt als Mann Saudi-Arabiens, wo er auch seinen Wohnsitz – in Jeddah – hat. Khoja hingegen gehört der syrischen turkmenischen Minderheit an und lebt seit langem in Istanbul. Dort hat er auch studiert, zuerst Politikwissenschaften und danach Medizin. Der gelernte Arzt ist aber heute eher Geschäftsmann, er hat die Mertip Healthcare Group gegründet und ist deren Manager.

Khoja engagierte sich bereits als Jugendlicher in der syrischen Opposition. Zu Beginn der 1980er-Jahre, als der Kampf zwischen dem Assad-Regime und der Muslimbruderschaft auf dem Höhepunkt war, wurde er verhaftet, nach seiner Freilassung verließ er das Land. Beim Ausbruch des Aufstands in Syrien im März 2011 übernahm er den türkischen Zweig der Organisation Damascus Declaration (DD). Die säkulare Gruppe ist nach der regimekritischen Erklärung von Intellektuellen, Vertretern der Zivilgesellschaft und der Opposition aus dem Jahr 2005 benannt.

Die SNC hat bei ihrer Besetzungspolitik stets darauf geachtet, auch Nichtaraber zum Zug kommen zu lassen. Daraus, dass Khoja so viele türkische Bezugspunkte hat, schließen manche, dass die SNC nicht mehr (hauptsächlich) auf Hilfe aus den arabischen Golfstaaten setzen will. Eine Annäherung der SNC an die Türkei wäre ein Ärgernis für Saudi-Arabien, wo Präsident Tayyip Erdogan der in Riad verhassten Muslimbruderschaft zugerechnet wird. Deren syrischer Zweig hat sich vor kurzem ebenfalls mit dem weltläufigen Mohammad Hikmat Walid eine neue Führung verpasst.

Die syrische Opposition arbeitet daran, geschlossen in eine neue diplomatische Runde zu gehen, zu der Russland für Ende Jänner eingeladen hat. Noch ist aber nichts sicher: Die SNC stellt Bedingungen für ihre Teilnahme - den Assad-Abgang -, die wohl nicht erfüllt werden. Vorher will man in den nächsten Tagen in Kairo eine gemeinsame Position erarbeiten. Aber die Ägypter wollten ursprünglich keine Muslimbrüder ins Land lassen, auch keine syrischen.(Gudrun Harrer, DER STANDARD, 15.1.2015)

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