Sherlock lässt die Puppen tanzen

14. Jänner 2015, 17:26
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"Sherlock Holmes und der Vampir von London" im Wiener Theater im Zentrum

Wien - Der junge Besucher (13 plus) des Theaters der Jugend darf getrost an sich selbst zweifeln. Der Aushang des Theaters im Zentrum hat ihm Sherlock Holmes und der Vampir von London versprochen. Man freut sich also auf einen Besuch in Baker Street 221b, dort, wo der berühmteste Detektiv der Welt von ratsuchenden Bürgern des viktorianischen Zeitalters konsultiert wurde. So wollte es bekanntlich sein Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle.

Nichts von alledem im Theater im Zentrum. Der Chorgesang unsichtbarer Mönche versetzt die Luft in fromme Wallung. Eine Fensterrose erblüht in finsterer Nacht. Um den Spuk weiterzutreiben, erscheint die Puppe eines Mönchs auf der Bühne (Ausstattung: Vincent Mesnaritsch). Ein Mord geschieht, und Holmes und sein Assistent Doktor Watson werden dazu aufgerufen, in einer alten Londoner Dominikanerabtei Ermittlungen anzustellen.

Man freut sich über diese Begegnung mit dem praktizierenden Katholizismus ausgerechnet an den Ufern der Themse. Wiederum wird fühlbar, dass die Sitze im Theater im Zentrum sehr viel mit Chorgestühl gemein haben und auch als Marterwerkzeuge hevorragende Dienste leisten würden. Man staunt aber auch über die zugrunde liegende Entscheidung von Regisseur/Intendant Thomas Birkmeir. Seine Sherlock-Holmes-Version konfrontiert das sportive Paar - über dessen unklare Beziehung auch Birkmeirs Dialogtext pfiffige Spekulationen anstellt - mit einer Welt von Geistlichen als Puppen.

Jeder Mönch ist aus Pappmaché. Jede der von Clemens Matzka und Christian Pfütze virtuos bewegten Figuren hätte aber auch in der Verfilmung von Der Name der Rose gute Figur gemacht - oder wäre gegenüber Helmut Qualtinger physiognomisch zumindest nicht abgefallen. Das britische Bodenpersonal des heiligen Dominikus ist, wenigstens in der Wiener Liliengasse, wahrhaft furchterregend anzuschauen.

Gegenüber diesen Schau- und Schauerwerten tritt das Agieren des merkwürdigen Mister Holmes (Uwe Achilles) stark in den Hintergrund. In seinen makellosen Schottenhosen vertritt er die Sache der Aufklärung. Achilles verleiht ihm immerhin einen Anflug von Hysterie, von rastloser Überdeutlichkeit. Sherlock Holmes dürfte ein psychisch Gefährdeter sein, ein überschnappender Narziss, für den Doktor Watson (Frank Engelhardt) einen allzu schwerfälligen Gefährten abgibt. Immerhin verrät Holmes im Gefolge eines seiner zahlreichen Wutanfälle, er habe den getreuen Adlatus beim Mikadospielen gewinnen lassen. Watson kontert lustlos: "Wir duzen uns ja nicht einmal nach all den Jahren!" Merry old England, man muss es so sagen, geht vor die Hunde.

Einwand ist das keiner gegen eine hübsche Produktion voller Einfälle. Schwerer wiegen da schon einige Längen im zweiten Teil, wenn das Abmurksen der Kuttenträger zur lieben Gewohnheit wird. Anklänge an Hollywood gibt es obendrein. Die Lösung des Falls - so viel muss verraten sein - hat ausgerechnet mit Sir Alfred Hitchcock zu tun. Very British, indeed. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 15.1.2015)

  • Ein Narziss mit psychischen Mängeln: Holmes (Uwe Achilles).
    foto: rita newman

    Ein Narziss mit psychischen Mängeln: Holmes (Uwe Achilles).


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