Samaras auf verzweifelter Aufholjagd

Reportage14. Jänner 2015, 17:19
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Geldversprechen, Werben mit Solidität, Reden gegen Ausländer: Griechenlands Premier versucht das Ruder herumzureißen

Die Zeit läuft ihm davon, und Antonis Samaras weiß es. Der griechische Ministerpräsident lässt sich durch die enge Menschengasse in dieser Sporthalle in Marousi, im Athener Norden, bugsieren; ein kantiges Gesicht mit einer großen Technokratenbrille, das eisern strahlt. Hunderte von Händen greifen nach ihm, während er nach vorn zur Bühne gestoßen wird.

Es gibt keine Vorredner, keine Ankündigung, und Samaras brüllt los, während er noch die Mikrofone auf dem Standpult zurechtbiegt. Gegen die "Linksradikalen" von Syriza, gegen das Chaos, in das sie Griechenland zurückfallen lassen werden. Die Stimme des 63-jährigen Premiers ist schon heiser.

"Wir garantieren die Zukunft" heißt der Slogan der Konservativen, der in weißer Schrift in einem Meer dunkelblauer Farbe steht. Es ist ein großes Versprechen, wohl das größte, das man in diesem Land geben kann nach sechs Jahren Rezession, Staatsbankrott und immer wieder neuen Sparmaßnahmen, die Unternehmen und Familien ruiniert haben.

Weniger als zwei Wochen bis zur Wahl

Keine zwei Wochen sind es mehr bis zur vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Jänner, und Syriza, die "Koalition der radikalen Linken", wie sie mit vollem Namen heißt, liegt weiterhin vor Samaras und dessen Nea Dimokratia. Knapp drei Prozentpunkte sind es, manchmal auch fünf, je nach Umfrage. "Der Abstand verringert sich nur marginal, nicht in einer schnellen, dynamischen Weise, die einen Wählerumschwung signalisieren würde", sagt Gerassimos Routzounis, Chef des renommierten Athener Meinungsforschungsinstituts Kapa.

Vorn, in der ersten Reihe der heruntergekommenen Basketballhalle von Marousi, sitzen die Hoffnungsträger der Nea Dimokratia, Leute wie Nikos Dendias, der frühere Polizeiminister, der mit Razzien gegen illegale Einwanderer unter dem Operationsnamen "Zeus Xenos" - dem antiken Patron der Gastfreundschaft - von sich reden machte; oder Adonis Georgiades, der Fernsehprediger und zeitweise Gesundheitsminister, ebenfalls ein Mann aus dem rechtspopulistischen Lager. Samaras setzt auf sie, um jene Griechen für sich zu gewinnen, die ihre Stimmen den Faschisten gaben oder den Unabhängigen Griechen, einer kleinen rechtsnationalistischen Partei.

Anspielungen auf Paris

Noch scheint die Rechnung nicht aufzugehen: Auch wenn die Führung der faschistischen Partei Goldene Morgenröte mittlerweile im Gefängnis sitzt und auf ihren Prozess wartet, geben ihr die Umfragen immer noch um die sechs Prozent. Und Samaras erlaubt sich bei seiner Aufholjagd Fehlgriffe gegen die Linke: Den Terroranschlag von Islamisten auf Charlie Hebdo in Paris versucht er für seinen Wahlkampf zu nutzen. "Ihr seht, was in Europa passiert", sagte Samaras am Tag des Anschlags bei einem anderen Auftritt: "Heute hatten wir einen Anschlag in Paris mit zwölf Toten, während einige Leute hier ausländische Einwanderer einladen." Syriza wolle die griechische Polizei entwaffnen, hämmert er den Leuten ein.

Doch die Finanzen und die ungewisse Zukunft des Landes bleiben das große Thema. Gehalts- und Pensionskürzungen will die Linke rückgängig machen und Griechenlands Schuldenberg zusammenstreichen. Unverantwortlich nennen das die Konservativen, lachhaft sei das Wirtschaftsprogramm der Linken. "Dieses Mal geht es um Wahrheit und Verantwortung", versichert Anna Michelle Asimakopoulou, eine elegante Frau in rotem Kleid und bis vor kurzem noch Sprecherin der Nea Dimokratia. Auch sie kandidiert nun für das Parlament und sitzt in der ersten Reihe. 11,5 Milliarden Euro kosteten doch die Steuer- und Investitionsversprechen der Linken, sagt sie. Dabei hat Griechenland nur noch Geld bis zum 28. Februar.

Aber auch Antonis Samaras macht nun solche Versprechen. Seinen "Fahrplan für ein Griechenland der Nach-Kredithilfe", nennt er das: Geld für 700.000 neue Jobs, Steuererleichterungen, eine Flatrate von 15 Prozent für Unternehmen, keine neuen Pensionskürzungen, obwohl die Regierung diese den Kreditgebern in Wahrheit schon zugesagt hat.

"Nicht bereit zum Wandel"

Die jungen Griechen in der Sporthalle von Marousi stört das nicht. "Griechenland ist nicht bereit für einen so großen Wandel", sagt Georgis, ein 18-Jähriger, mit Blick auf die Linkspartei, die neben anderen auch Maoisten und grüne Ökosozialisten vereint. Dabei werden Syriza und ihren regierungsunerfahrenen Politikern ohnehin keine Chancen für etwaige Verhandlungen mit den Kreditgebern der EU und des Internationalen Währungsfonds eingeräumt. "Schon möglich", sagt Adonis, ein 20 Jahre alter Jusstudent: "Aber das Risiko will ich nicht eingehen." (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 15.1.2015)

  • Antonis Samaras im Wahlkampf.
    foto: reuters/alkis konstantinidis

    Antonis Samaras im Wahlkampf.

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